Dienstag, Mai 02, 2017

Menschliche und göttliche Vergebung

Wir imitieren Gott als Werkzeuge Gottes und als seine Ebenbilder, deshalb sollen wir ähnlich geben und vergeben (Seite 214). Ähnlich wie beim Geben gibt es auch beim Vergeben einen Dreiklang: • Rache: vervielfacht das Böse. . . . • Gerechtigkeit: begrenzt das Böse. . . . • Vergebung: überwindet das Böse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottes Zorn ist nicht ein emotionaler Zustand, sondern eine energische Zurückweisung der Sünde. Er verurteilt im Akt des Vergebens. Eines der Hauptmerkmale der Sünde ist es, dass sie sich weigert, sich Sünde zu nennen (Seite 239). Viele Täter sind in den Schlingen ihrer bösen Taten gefangen und sind nicht in der Lage, aus eigener Kraft wieder auf die Füsse zu kommen. Sie brauchen Hilfe ihre Opfer oder anderer Personen (Seite 242). Wiedergutmachung sei nicht Vorbedingung für die Vergebung, aber Frucht der Vergebung und als Zeichen, dass die Reue echt sei (Seite 243). Vergeben heisse, den Schuldigen anklagen, ihn von der Anklage entbinden, ihm die Schuld erlassen und das Vergehen dem Vergessen anheimgeben (Seite 252). Unser Vergeben sei nur ein Echo von Gottes Vergeben (Seite 261). Wir sind erschaffen worden, um Gott in dieser Welt zu widerspiegeln (Seite 270). Demut heisse, dass ich zugebe, dass ich falsch liegen könne (Seite 272). Die heutige prozesswütige Kultur in den USA stehe in Kontrast zu Gottes Vergebung (Seite 273). Wir sind auch als Opfer immer noch Sünder; und wir sind auch als Täter noch Gottes gute Geschöpfe. Unsere Taten werden durch die Neigung zur Sünde genährt und durch eine sündige Kultur verstärkt, deshalb gibt es keinen Gründ für Stolz. Unser Vergeben ist fehlerhaft, Gottes Vergeben dagegen fehlerlos; unser Vergeben ist provisorisch, Gottes Vergeben bleibt endgültig (Seite 283).

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Montag, Mai 01, 2017

Nehmen und Geben - Glauben und Empfangen

Volf zitiert die kanadische Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Natalie Zemon Davies, die drei Arten von Geben unterschieden hat: • Zwangsmodus: wir nehmen verbotenerweise. . . . • Kaufmodus: wir erwerben legal. . . . • Schenkmodus: wir geben grosszügig. . . . Gott sei nicht der selber empfangende Geber, sondern der unendliche und absolut liebende Geber (Seite 76). Wir sollen Gott ähnlich, aber nicht gleich werden. Weihnachten dürfe daher nicht zum gegenseitigen Schenken verkommen, sondern soll im Sinn Gottes auch ein einseitiges sein, das vom Empfänger nicht wirklich erwidert werden kann! Paulus hat von der Gemeinde, in der er jeweils tätig war, nie Geld für sich angenommen, sondern nur um an andere weiterzugeben. Der Philipperbrief ist ein einziges langes Dankeschön, aber Paulus dankte ihnen an keiner Stelle; denn der Geber war Gott, und die Philipper waren nur sein Kanal. Das biblische Verständnis von Gleichheit verträgt es, dass der eine mehr hat und der andere weniger; aber nicht, dass der eine Überfluss und der andere Mangel hat (Seite 104). Kain war wie Adam und Eva ein „Nehmer“, während Abel ein „Geber“ war. Kain scheute daher nicht zurück, Abel das Leben zu nehmen. Sünde ist eine Art Gegengabe, eine perverses Gegenmittel, das all die guten Gaben neutralisiert und verdirbt. Auch als Sünder sind wir noch Gottes gute Schöpfung; aber wir sind wie Wasser, das durch Tinte gefärbt und verschmutzt ist.
Gott sei weder ein unerbittlicher Richter noch ein alter Opa, sondern ein Gott, der gerne vergibt, weil er nichts brauche (Seite 169). Luthers Problem war nicht psychologischer Natur, sondern theologischer Art, weil er Gott als unbestechlichen Richter und zornig aus Liebe ansah (Seite 173). Rabbinisch gesprochen verdankt die Schöpfung ihre Existenz Gottes Vergebung (Seite 175). Luther hielt es für ein grosses Problem, dass die Menschen egozentrisch seien; Volf stellt daher die berechtigte Frage, wie wir das denn heute sehen würden? Bei der Vergebung gehe es in der Tiefe nicht darum, etwas zu sagen, sondern etwas zu tun. Gott vergab, indem er Jesus als Sühneopfer hinstellte. In Christus versöhnte Gott die Welt mit sich selber. Gott hat die Sünden der Menschen auf Gott gelegt; er trägt die Last unserer Vergehen (Seite 187). Nach Luther liegen unsere Sünden auf Christus und sind in Christus verschlungen; er bekleidet uns mit seiner Gerechtigkeit und verwandelt uns in christusähnliche Menschen auf dem Weg zur neuen Schöpfung. Der Glaube klammere sich an Christus wie ein Ring einen Edelstein umfasse. Im Glauben öffnen wir die Hände, um Christus zu empfangen. Unsere Grundsünde sei es, Gott nicht ganz zu vertrauen, und infolge dieses Versagens fallen wir in viele verschiedene konkrete Sünden. Zudem tun wir so, als ob wir das, was wir haben, nicht von Gott empfangen hätten (Seite 197). Schuld bekennen heisst, dass wir durch das Tor der Beschämung in das Land der Freiheit treten (Seite 199).

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Donnerstag, Mai 12, 2016

Larry Siedentop: Eine moralische Revolution

Im zweiten Teil geht Larry Siedentop in fünf Kapiteln der Entwicklung, Ausgestaltung und Auswirkung des frühen Christentums in der römischen Spätantike nach: 4. Die Welt auf den Kopf gestellt: Paulus. Die Antike war eine Welt der Ungleichheit. Schon der jüdische Glaube an einen Gott wurde zur Zeit des Imperium Romanums als interessanter Ausweg gesehen. Jesus war ein Bussprediger und Prophet, der gekreuzigt wurde. Erst Paulus habe aber das Christentum als Religion erschaffen. Er setzte auf Gleichheit und Freiheit der Menschen. Der neue Mensch durch Christus mit Willen und Gewissen strebte mehr Gerechtigkeit an. 5. Die innere Wahrheit: Moralische Gleichheit. Paulus und Clemens von Alexandria bevorzugten das Bild des Abstiegs, der Einfachheit und der Torheit. Der Mitgewinn dadurch war die Schaffung einer Sphäre der persönlichen Gewissensentscheidung. Platon dagegen kannte viele Stufen und wollte zu Gott aufsteigen. 6. Heroismus in neuem Gewand. Christliche Märtyrer beugten sich nicht familiären und bürgerlichen Forderungen. Sie forderten damit Patriarchat und Staat heraus. Siedentop bezieht sich hier auf Peter Brown und sein Werk: Macht und Rhetorik in der Spätantike. Der Weg zu einem christlichen Imperium, Dtv München 1975. 7. Eine neue Form des Zusammenlebens: Das Mönchtum. Die frühe Kirche ging dem Konflikt mit Rom eher aus dem Weg. Dem Heidentum ging es mehr um äussere Konformität, um korrektes Verhalten. Dem Christentum war die innere Überzeugung wichtiger. Das zeigte sich auch darin, wie Tempel zu Basiliken umgeformt wurden. Die Mönchsbewegung begann am Berg Nitria in Ägypten als neue Gemeinschaftsform. So lebente bis 5'000 Männer im 4. Jahrhundert dort in Distanz zu antiker Familie und Polis. Pachomius und Basilius von Cäsarea waren die führenden Personen, die die Mönchsregel der Ostkirche begründeten. 8. Die Schwachheit des Willens: Augustinus. Die Schriften von Augustinus sind eigentlich Kommentare zu Paulus, trotzdem lassen sie sein neues und einzigartiges Ich-Bewusstsein erkennen. Alle Menschen können der Liebe Gottes teilhaftig werden, aber nicht alle machen davon Gebrauch, weil sie einen freien Willen hätten. Für ihn lag der Wille zwischen Vernunft und Begierde. Bei Augustinus geht es nicht mehr wie bei Platon um den Aufstieg der Seele zu Gott, sondern um Begegnung mit Gott im Innern. Durch Gebet öffnen Menschen sich der Gnade Gottes. Sein Werk Bekenntnisse sind Dialoge mit Gott, worin auch menschliche Schwächen zum Vorschein kommen dürfen.

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Mittwoch, Februar 19, 2014

Unterdrückung und Gerechtigkeit (Seiten 255-309)

Christ sein bedeute einer Gemeinschaft anzugehören und von deren Glaubensansichten und Verhaltensweisen geprägt zu werden. Christen leben in zwei Welten, in Gott und in der Welt, in der biblischen Ueberlieferung und in der eigenen Kultur (Seite 276). Biblische Texte sind ein kanonisches Bündel überlappender Zeugnisse aus verschiedenen Kontexten für die eine Geschichte Gottes mit der Menschheit, die im Tod und der Auferstehung von Jesus Christus gipfelte. Nach Alsdair MacIntyre, dem schottisch-amerikanischen Philosophen, neigen wir im Westen dazu, zwischen Tür und Angel zu leben. Wir existieren in überschneidenden und sich wandelnden Räumen. Gerechtigkeit und Umarmung bedingen sich, sie müssen aufeinander bezogen bleiben. Gustavo Gutiérez hat gesagt, dass Gott kennen bedeute, Gerechtigkeit zu üben. Volf ergänzt aber: „Je erbitteter der Kampf gegen das Unrecht, das man erleidet, desto blinder wird man für das Unrecht, das man anderen zufügt“ (Seite 290). Er plädiert für eine doppelte Sichtweise, die auch die eigene Fehlbarkeit bejaht, bewusst macht, wach hält und umkehrt. Das ist keine Neutralität, denn die ist schädlich, weil sie die Stärkeren schützt. Für Personen, die sich auf die Schrift berufen, ist Neutralität unzulässig. Denn die Schrift, spezielle die jüdischen Profeten, ist voreingenommen zugunsten der Ohnmächtigen. Jahwe, der Gott Israels, kennt eine andere Gerechtigkeit als die „Justizia“, die dem griechisch-römischen Denken entstammt. Er hat Interesse, Freude und Beziehung zu seinem Bundesvolk Israel. Seine Gerechtigkeit umfasst Heil, Rettung, Liebe und Gnade. Deshalb soll auch unser Streben nach Gerechtigkeit im Kontext der Liebe stattfinden (Seite 299). Er schliesst sich Reinhold Niebuhr an, der gesagt hat: „Nichts, was nicht Liebe ist, kann völlige Gerechtigkeit sein“. Wenn in unseren Tagen eine Kultur auf die andere prallt und Gerechtigkeit gegen Gerechtigkeit steht, sollten wir Inspiration aus der Apostelgeschichte Kapitel zwei und sechs beziehen (Seite 308).

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Samstag, Dezember 13, 2008

Impuls Exodus


Miskotte zeigt auch auf, dass dort Raum für Naturwissenschaft ist, wo die Natur „entgöttert“, die Geschichte „entdämonisiert“ und die Politik entideologisiert wird.
Wesentlich bleibt aber: Gott regiert, er erlaubt und fordert Gerechtigkeit. Immer wenn JHWH (etwas) hört, dann tut er etwas, er lässt etwas ins Dasein treten, er erfüllt sein Wort. Alle Taten Gottes sind gross, es sind seine Befreiungen „jeschu’oth“, Rechtsprozesse „zedaqoth“ und Gunstzuwendungen „chasadim“. Sein Heilsgeschehen bezieht sich auf das ganze Weltgeschehen, deshalb halten wir in der Geschichte stand und stiften Frieden. Die Kirche darf nicht die sittliche Beunruhigung in die Welt tragen, ohne die Ruhe in Gott zu verkündigen. Das ist messianische Erwartung. Im gespannten Geschehen ruht segnend die ewige Treue (S. 289).

Miskotte behauptet und begründet, dass Israel und die Kirche keine Religionen sind, denn sie feiern nicht das Gegebene wie die Heiden, sondern leben eine Existenz unter dem Wort und haben den Sinn des Lebens empfangen. Sie kennen die göttliche Verborgenheit und Freiheit, das Geheimnis der Zeit und die offene Zukunft, die erwählende Liebe und die Hoffnung. Der Auszug Israels ist Ausdruck davon und hat grundlegende Auswirkungen bis heute, dazu schreibt er auf Seite 307: „Die Vollmacht wirkt sich auch aus in dem Hindurchzug. Das Wort hat seinen Aktionsradius weit gezogen. Die Geschichte der Kirche ist wesentlich die Geschichte des profetisch-apostolischen Wortes. Ueberall kann man etwas von dem „Impuls Exodus“ (Bloch) spüren. Die Offenheit der christlichen Existenz ist auf ein Ende gerichtet. Wo das Herrenmahl gefeiert wird als Erinnerung und Teilnahme an de Opfertat des Herrn, an dem Vollbrachten, erschliesst sich die Zukunft (1Ko 11,26), denn das Mahl ist zugleich eine Speise der Hoffnung, ein Trank der Verheissung.
Und weiter auf S. 310: „Und wir fragen: Wie lange hat die Kirche den Gott Israels verkündigt, sich an den Tatcharakter seines Wortes gehalten, die Erzählung seiner Taten fortgesetzt? ... Wie bald haben die Christen den Exodus preisgegeben, wie bald sich geschämt, Grenzüberschreiter zu sein, wie schnell haben viele ihre Erwartung gegen das Glück einer geistlichen Sesshaftigkeit vertauscht?

Der eigentlich und ursprünglich Fragende ist Gott, er fragt nach dem Menschen und dieser hat ihm zu antworten. Die Antwort kann sich vorläufig in fragenden Worten verhüllen. Gott ist der Vorangehende, er waltet in Freiheit über der Unverfügbarkeit der befreienden Antwort. Israel hat in seiner Profetie, in seinem Gesang und in seinen Geschlechtsregistern das ihm zugesagte Land als Unterpfand der Zukunft gefeiert: eine Erde für die eine Menschheit unter dem einen Himmel. Das ist die grosse Liebesgeschichte, welche Leben heisst.

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Samstag, September 09, 2006

Jesus in Aktion

Es geht weiter mit Klaus Berger. Er schreibt in "Jesus" auf Seite 385:
Der Exeget sollte die Sperrigkeit des sperrigen Textes verteidigen und dem "Hinbiegen" einen Riegel vorschieben.
S. 391: Jesus und die Gewalt – einige Thesen: Religion ist mehr als Moral; Moral ist eingebettet in sie und empfängt von ihr her Massstäbe. Dann können Zeichenhandlungen sinnvoll werden, die sonst "gemein" sind. Als Störung der Normalität weisen sie auf den hin, vor dem alle irdische Normalität nur zerbrechliches tönernes Gefäss in der Hand des Töpfers ist.
S. 393 Schalom heisst Frieden und bedeutet: es fehlt an nichts, keiner fällt unter den Tisch und er ist ganz und auf Dauer. ... Das höchste Gut ist Gerechtigkeit. Sie ist Bedingung des Friedens.
S. 398: Geduld ist nichts Passives, sondern behutsame, schonende, zärtliche Aktivität – kraftvolles Aushalten im vorschnell nicht Lösbaren. ...
Die Welt lebt von Menschen, die langmütig sind und langfristige Visionen verfolgen.
S. 406: Jesus allein, nicht alle Menschen sind Gottes Bild, so ist die Auskunft des Neuen Testaments.
S. 408: Stuhlbeinmodell: Viele Christen tun so, als genügte ein Stuhl mit einem Bein, nämlich dem Bein der Bibelzitate. Vier Beine heisst: Es gibt für jede Frage nach der christlichen Wahrheit vier Instanzen, die zu hören sind:
· 1. Bein: geborene Instanz, die Schrift; sie ist zu hören nach dem Prinzip der Loyalität, der freien Treue zum Text (vorurteilsfrei, nicht gesetzlich)
· 2. Bein: Verstehen und auslegen in der kirchlichen Tradition... Wir beginnen mit unserer Auslegung des Textes nicht beim Punkt Null. Wenn wir heute so gut sehen, dann darum, weil wir auf der Schulter von Riesen stehen
· 3. Bein: Sachkunde, Sachverstand
· 4. Bein: Plausibilität oder das, was daraus werden kann, also die mögliche Wirkung
S. 410: Im Neuen Testament geht es "monomanisch" nur um das Eine, um das Reich Gottes, um die Herrschaft Gottes und das heisst konkret: Um die Frage nach Gottes Willen, um Gerechtigkeit, um Gottes Gebot, um das, was Gott ganz konkret von uns will, nämlich Gehorsam und Gerechtigkeit. Und dieses steht einer selbstbezogenen, allgemeinen Entfaltung der Persönlichkeit direkt entgegen.
S. 414: Das Menschenbild der Bibel kennt freilich "Leibeigenschaft": Wir sind Besitz Gottes... Im Alten und im Neuen Testament wird das Verhältnis von Gott und Mensch gesehen im Sinne des Verhältnisses vom Herrn und Sklaven. Paulus sagt von sich, er sei "Sklave Jesu Christi".
S. 418: Die Wahrheit der Bibel ist von der Qualität von Wahrheit, wie sie in einer Liebesgeschichte aufscheint. In der Liebesgeschichte sagt man: Diese Frau oder keine. Und so geht es in der Bibel um diesen Gott oder keinen. Um diesen Jesus Christus oder keinen. Das Thema der Bibel ist Liebe und Geborgensein.
S. 421: Literalsinn ist der wörtliche Sinn und bewahrt gegen Verflüchtigung; Allegorischer Sinn weist auf Dogmatik hin; Moralischer Sinn auf Ethik; Anagogischer Sinn auf Hoffnung.
Nicht die (biblischen) Geschichten sollten wir kleiner machen, sondern uns selbst vor den Berichten, und das nennt man Demut.
S. 422: Bei der "Vergeistigung" der Wundergeschichten ... sind zwei Tendenzen bestimmend: eine traditionelle Geringschätzung des Leiblichen (ein neuplatonisches "nicht so wichtig") und die Feigheit, zum Aergernis zu stehen ("nicht zumutbar", "lehnen die Leute ab"). Beide Linien finden sich genauso ... bei der Eucharistie und bei der Auferstehung der Toten. Auch hier wird der Gehalt der Aussagen rein symbolisch gefasst. Die Folge ist eine nicht wieder gutzumachende Entfernung Gottes von der Welt, eine Art Neo-Deismus. Der Deismus suchte Gott bekanntlich dadurch zu retten, dass er ihn weit in den Himmel verbannte.
S. 424: Die Wundergeschichten sind eben nicht zu 100 Prozent umzusetzen oder zu aktualisieren. Sie bleiben stehen als erratische Blöcke und weisen nach vorne ins kommende Heil. Sie sind Zeichenhandlungen, die als Teil der Verkündigung Jesu immer Einblick in das ganze Vorhaben Gottes geben, aber eben nur als Teil.
S. 429: Die Nähe Gottes zu den Menschen äussert sich nach dem Neuen Testament zeitlich (Das Reich Gottes kommt bald), persönlich (Alle Menschen dürfen zu Gott Vater sagen), räumlich (Wo Jesus auftritt, ist das Heil) und eben auch biologisch (Heilungsgeschichten).
Keine dieser Dimensionen darf schamhaft verschwiegen werden. Auch in der Gegenwart ist das Christentum Heilungsreligion. Aber der Weg ist nicht direkt die Erlösung von der Krankheit, sondern die Versöhnung mit Gott und den Nächsten.
S. 430: Seelsorge ist immer Spiegelbild unseres Glaubens an Jesus. Wir haben uns daran gewöhnt, Seelsorge als Summe aus pastoraler Psychologie, Soziologie, Medizin und Organisationskunde zu betreiben … Nur der geheimnisvolle Rest verkommt unter dem Rätselwort „Spiritualität“. Dahinter verbergen sich zumeist die schlechten Gewissens zugegebenen Lücken persönlicher Frömmigkeit.
S. 431: Jesus ist fremd und gefährlich. Wer ihn vereinnahmt, nimmt der christlichen Religion ihre Strahlkraft und ihre notwendige Faszination. Christentum ist mehr als eine ganz vernünftige Sache, und Kirche ist zum allerwenigsten Teil dieser Gesellschaft.

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Donnerstag, September 07, 2006

Klaus Berger: Jesus

Klaus Berger ist einer der berühmtesten und zugleich einer der eigenwilligsten und pointiertesten Theologen Deutschlands der Gegenwart. Als katholischer Christ, stammend aus Hildesheim, studierte er in München katholische Theologie, wurde aber wegen Differenzen mit der Kirchenleitung nicht ordiniert. Darauf lehrte er viele Jahre Neues Testament an der evangelischen Fakultät in Heidelberg. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Werke zum Neuen Testament herausgegeben und hat sein Leben lang über "Jesus" geforscht. Mit dem Werk "Jesus" legt er nun seine reichen Erkenntnisse auf ganzen 691 Seiten vor, jedoch ohne nur eine Fussnote zu gebrauchen! Es ist im Pattloch-Verlag München 2004 erschienen unter der ISBN-Nummer: 3-629-00812-7.
Dazu sagt er schlicht und einfach: "Ich möchte modernen Menschen sagen, was sie von Jesus haben. Ich möchte Menschen antworten, die zu Recht fragen, ob Jesus noch irgendeine Bedeutung für sie hat."
Berger versteht es ausgezeichnet, komplexe (geschichtliche) Sachverhalte klar, einfach und nachvollziehbar darzustellen und auf den Punkt zu bringen. Er gibt auch seinen eigenen Standpunkt und seine Beeinflussungen unumwunden zu, plädiert aber für eigene Demut (in Kapitel "Biografische Verschränkung") und Gottes Recht, über uns zu verfügen. Dieses monumentale Werk strahlt für mich Kraft und Glaubwürdigkeit aus. Es ist übersichtlich in Haupt- und Unterkapitel strukturiert, verfügt aber über keine Grafiken und Bilder und verlangt deshalb dem Lesenden viel Ausdauer ab. Selber habe ich über ein Jahr darin gelesen. Nun lasse ich Berger mit wichtigen, prägnanten Textpassagen gleich selber zu Wort kommen:

Seite 14 unten: Ich gehe von der Fremdheit der Texte aus. Je fremder ein Text in unsere Zeit hereinragt, desto anstössiger, provokanter, letztlich effizienter und sprechender kann er für uns sein. Die Fremdheit gibt ihm die Chance zur Wirkung, zum Neuen im vertrauten Alten.
Seite 15: Mystik ist das Achten auf die erstrangige Wirklichkeit Gottes. Die biblischen Schriften über Jesus wurden ausnahmslos in einem mystischen Horizont verfasst und können daher auch nur in einem mystischen Horizont verstanden werden.
Seite 16: Diese Durchsetzungskaft von Texten von und über Jesus beruht weniger darauf, dass sie ein Appell an den menschlichen Willen sind, sondern dass sie die Liebesfähigkeit und Sehnsucht des menschlichen Herzens anrühren.
Seite 17: Mir erscheint es sachgemäss, die frühchristlichen Aussagen in der Art eines offenen Mosaiks zusammenzustellen.
Seite 27: Es gibt viele Wege zu Jesus, wie es Menschen gibt. Vier Wege möchte ich aufzeigen: Die Bibel, die anderen, die Zeit und das Leiden. Die Bibel handelt von der ersten bis zur letzten Seite von einer Sache: Wer Gott ist und wie man dort hinkommt. Sie ist ein Kompass auf dem Weg.
Seite 28: Die Bibel ist in Wahrheit ein fremdes Buch. Sie muss uns fremd erscheinen, sonst hat sie keine Kraft. Sie enthält eben nicht die Menschenrechte, sondern spricht von Gottes Recht über den Menschen.
Seite 29: Ich habe stets versucht, mich dem Text auszusetzen, mich von ihm lesen zu lassen, seine eigenen Regeln zum Sprechen zu bringen. Ich habe versucht, ihn selbst zu hören. Ich habe versucht, ihn nicht zu erdrücken durch mitgebrachte Regelsysteme, die ihm fremd sein müssen ... Diese wohlfeilen Regelsysteme verraten nichts über den Text, aber alles über die Hilflosigkeit der Ausleger.
Seite 40: Jeder Mensch leidet, der eine früher, der andere später. Es ist nur ein kleiner, entscheidender Schritt, sein Leiden zu teilen, weil man entdeckt, dass es einen gibt, der es mit mir teilen möchte.
Seite 60: Bei dem Terminus "Sohn Gottes" geht es immer um die Aehnlichkeit und Intimität der Beziehung, nicht um biologische Zeugung.
Seite 99: Die Heilige Schrift nähert sich Gott mit äusserster Distanz, mit Erschrecken vor dem ganz Anderen.
Seite 101: Daher mein Rat: Gott so lieben, dass man nichts anderes zu viel liebt. Gott so fürchten, dass man vor nichts anderem zu viel Angst hat.
Seite 103: Katastrophen "neben uns" werden zu Warnsignalen ... Denn wer wie wir, Abtreibung per Krankenkasse finanzieren lässt, die Geburt eines Kindes dagegen selbst bezahlen muss, hat die Kultur des Todes gesetzlich festgeschrieben.
Seite 107: Die Kultur der Betroffenheit ist tendenziell ein Pietismus ohne Gott.
Seite 110: (Junge Menschen brauchen) drei Dinge also: Orientierung und führende Hand, sichere Rituale, die jede Woche zur gleichen Zeit am gleichen Ort geschehen, und Sehnsucht nach Gesprächen.
Seite 151: Armut, Hunger und Weinen werden nicht im Geringsten spiritualisiert oder moralisiert. Jesus fragt nicht, warum diese Menschen arm, hungrig und traurig sind ... Wichtig in der Ansage an die Armen ist allein dieses, dass Gott ihr Geschick wendet.
Seite 154: Ich glaube an den Gott, der Gerechtigkeit will und der diese Gerechtigkeit durch seinen Sohn Jesus Christus uns kundgetan hat.
Seite 156: Die Armen im Geist sind gequälte Menschen, die man nervlich fertig macht.
Seite 157: Glaube bedeutet vom Griechischen her Einstellung, Treue, Geduld.
Seite 158: Menschen leben heute in "synchronisierten Einsamkeiten" (Klaus Hemmerle)
Seite 160: Gott ist Kind geworden – was besagt das in einer Gesellschaft, die so kinder-feindlich ist wie nie und nirgends je eine Gesellschaft? Es besagt zwangsläufig, dass noch nie Menschen so weit entfernt waren wie wir Heutigen von Gott.
Seite 166: Wer glaubt, beugt seinen Rücken nur noch vor Gott und nur noch für die Schwächeren. So sprach man im Mittelalter vom "Herrn Kranken".
Seite 181: Auch im Neuen Testament geht es nirgends (!) um den Gegensatz zwischen Leib und Geist, sondern immer um den Gegensatz zwischen irdisch und himmlisch, Vergänglichkeit und Heiligem Geist.
· Zeitordnung 1: Die Zeit, in der Jesus auf Erden wirksam ist – eine Phase der Freude
· Zeitordnung 2: Die Zwischenzeit, in der er nicht unter den Jüngern sein wird, ist die ernste Zeit der Vorbereitung
· Zeitordnung 3: Das Fest am Ende, wenn er wiederkommen wird, wo natürlich von Fasten keine Rede mehr sein kann, wo reine Freude herrscht
Seite 199: Die Sünde besteht immer darin, dass wir keine Zeit haben ... Alle Sünde ist kurzatmiges Raffen. Das Herz kann nicht mitwachsen, es wird buchstäblich überfahren. Durch das Raffen wird der Mensch nicht nur betrogen, am Ende macht dieses Handeln auch ihn selbst kaputt. ...
Man hat diesen Weg Jesu auch den indirekten genannt. Auch der Weg Jesu will Ganzheit, Lust, Fülle, Erfolg, Reichtum, Glück, Liebe, Herrschaft, Leben ohne Grenzen, das grosse Fest. Er will es in nie gekannter Radikalität. Wer den Weg Jesu wählt, wer leben will, kommt zum Leben, aber er kommt zum Leben durch Kreuz und Tod hindurch. Wer sich finden will, kommt zu sich, indem er ganz und gar nicht an sich denkt ... Der Weg Gottes führt durch das Gegenteil. Er geht auf die Nacht zu, um das Licht zu finden ... Glücklich wird, wer sich selbst vergessen kann ...
Seite 202: Im Neuen Testament dagegen soll niemand auf sich selbst verzichten, sondern sich nur lösen und befreit werden von Scheingütern und höchst vergänglichen Werten.
Seite 219: Wir sind glücklich, indem wir glücklich machen und uns am Widerschein freuen. Zu wissen, dass man glücklich macht, das ist das Glück. Und daher ist die Freude der einzige und der eigentliche Sinn jedes menschlichen Projekts, jeder einzelnen Lebensgeschichte.
Seite 220: Der Schenker gewinnt – sein Leben, seine Identität. Auferstehung ist der Erweis der unbesieglichen Liebe zum Leben. Auferstehung setzt diejenigen ins Recht, die Leben verstreichen lassen, ohne es krampfhaft und egoistisch raffen zu wollen. Und wo immer wir Freude wahrnehmen bei dem, der schenkt, ist es eine Freude, die für das steht, was fromme Leute das Ewige Leben nennen. Freude als Widerschein der Auferstehung in der Gegenwart, Freude als Sinn schon jetzt.
Seite 221: Alle Kreatur kann unsere Liebe nur begrenzt ertragen. Selbst menschliche Liebespartner brauchen hin und wieder Ruhe voreinander. Sie können nur begrenzt geben, weil nur begrenzt empfangen können. Wer in der Liebe vom anderen "alles" fordert, wird ihn garantiert überfordern (vielleicht boomen darum die Scheidungen?). Nur Gott kann "alles" geben, "alles" fordern. Gott ist die Selbstverwirklichung des Menschen.


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Freitag, Juli 07, 2006

Zaddiq

Hebräisch "zaddiq, z’daqah, zedeq, zid’qat" ist eine der wichtigen Eigenschaften Gottes und bedeutet: aufrichtig, Aufrichtigkeit, fromm, Frömmigkeit, gerecht, Gerechtigkeit, Heil, Recht, rechtfertigen, Rechtfertigung, Rechtschaffenheit, redlich, Redlicher, Redlichkeit, richtig, Richtigkeit, treu, Treue, wahroder Wahrheit ("zaddiqim" steht für die Mehrzahl; "zadaq'ta, zadd'qeka" bedeutet Recht haben; "zadaq'ti" ich bin gerecht oder im Recht; "zid'qi, zid'qati" meine Gerechtigkeit; "zid’qeka, zid’qat’ka" deine Gerechtigkeit; "zid’qo, zid’qato" seine Gerechtigkeit; "z’diq" rechtfertigt) Es geht im hebräischen Verständnis weit weniger um unsere abstrakte, griechisch geprägte Gerechtigkeit: Jeder muss genau gleich behandelt werden und gleich viel erhalten, sondern es geht um eine gerechte BEZIEHUNG, die Gott will, die ER stiftet und untereinander gelten soll. Klaus Berger, der deutsche Theologe beschreibt es prägnant so: Dem anderen das Zusammenleben ermöglichen und einen Beitrag zum Miteinander leisten. Da ist kein Raum mehr für unser kleinkariertes Vergleichen und Beneiden!

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