Donnerstag, September 07, 2006

Klaus Berger: Jesus

Klaus Berger ist einer der berühmtesten und zugleich einer der eigenwilligsten und pointiertesten Theologen Deutschlands der Gegenwart. Als katholischer Christ, stammend aus Hildesheim, studierte er in München katholische Theologie, wurde aber wegen Differenzen mit der Kirchenleitung nicht ordiniert. Darauf lehrte er viele Jahre Neues Testament an der evangelischen Fakultät in Heidelberg. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Werke zum Neuen Testament herausgegeben und hat sein Leben lang über "Jesus" geforscht. Mit dem Werk "Jesus" legt er nun seine reichen Erkenntnisse auf ganzen 691 Seiten vor, jedoch ohne nur eine Fussnote zu gebrauchen! Es ist im Pattloch-Verlag München 2004 erschienen unter der ISBN-Nummer: 3-629-00812-7.
Dazu sagt er schlicht und einfach: "Ich möchte modernen Menschen sagen, was sie von Jesus haben. Ich möchte Menschen antworten, die zu Recht fragen, ob Jesus noch irgendeine Bedeutung für sie hat."
Berger versteht es ausgezeichnet, komplexe (geschichtliche) Sachverhalte klar, einfach und nachvollziehbar darzustellen und auf den Punkt zu bringen. Er gibt auch seinen eigenen Standpunkt und seine Beeinflussungen unumwunden zu, plädiert aber für eigene Demut (in Kapitel "Biografische Verschränkung") und Gottes Recht, über uns zu verfügen. Dieses monumentale Werk strahlt für mich Kraft und Glaubwürdigkeit aus. Es ist übersichtlich in Haupt- und Unterkapitel strukturiert, verfügt aber über keine Grafiken und Bilder und verlangt deshalb dem Lesenden viel Ausdauer ab. Selber habe ich über ein Jahr darin gelesen. Nun lasse ich Berger mit wichtigen, prägnanten Textpassagen gleich selber zu Wort kommen:

Seite 14 unten: Ich gehe von der Fremdheit der Texte aus. Je fremder ein Text in unsere Zeit hereinragt, desto anstössiger, provokanter, letztlich effizienter und sprechender kann er für uns sein. Die Fremdheit gibt ihm die Chance zur Wirkung, zum Neuen im vertrauten Alten.
Seite 15: Mystik ist das Achten auf die erstrangige Wirklichkeit Gottes. Die biblischen Schriften über Jesus wurden ausnahmslos in einem mystischen Horizont verfasst und können daher auch nur in einem mystischen Horizont verstanden werden.
Seite 16: Diese Durchsetzungskaft von Texten von und über Jesus beruht weniger darauf, dass sie ein Appell an den menschlichen Willen sind, sondern dass sie die Liebesfähigkeit und Sehnsucht des menschlichen Herzens anrühren.
Seite 17: Mir erscheint es sachgemäss, die frühchristlichen Aussagen in der Art eines offenen Mosaiks zusammenzustellen.
Seite 27: Es gibt viele Wege zu Jesus, wie es Menschen gibt. Vier Wege möchte ich aufzeigen: Die Bibel, die anderen, die Zeit und das Leiden. Die Bibel handelt von der ersten bis zur letzten Seite von einer Sache: Wer Gott ist und wie man dort hinkommt. Sie ist ein Kompass auf dem Weg.
Seite 28: Die Bibel ist in Wahrheit ein fremdes Buch. Sie muss uns fremd erscheinen, sonst hat sie keine Kraft. Sie enthält eben nicht die Menschenrechte, sondern spricht von Gottes Recht über den Menschen.
Seite 29: Ich habe stets versucht, mich dem Text auszusetzen, mich von ihm lesen zu lassen, seine eigenen Regeln zum Sprechen zu bringen. Ich habe versucht, ihn selbst zu hören. Ich habe versucht, ihn nicht zu erdrücken durch mitgebrachte Regelsysteme, die ihm fremd sein müssen ... Diese wohlfeilen Regelsysteme verraten nichts über den Text, aber alles über die Hilflosigkeit der Ausleger.
Seite 40: Jeder Mensch leidet, der eine früher, der andere später. Es ist nur ein kleiner, entscheidender Schritt, sein Leiden zu teilen, weil man entdeckt, dass es einen gibt, der es mit mir teilen möchte.
Seite 60: Bei dem Terminus "Sohn Gottes" geht es immer um die Aehnlichkeit und Intimität der Beziehung, nicht um biologische Zeugung.
Seite 99: Die Heilige Schrift nähert sich Gott mit äusserster Distanz, mit Erschrecken vor dem ganz Anderen.
Seite 101: Daher mein Rat: Gott so lieben, dass man nichts anderes zu viel liebt. Gott so fürchten, dass man vor nichts anderem zu viel Angst hat.
Seite 103: Katastrophen "neben uns" werden zu Warnsignalen ... Denn wer wie wir, Abtreibung per Krankenkasse finanzieren lässt, die Geburt eines Kindes dagegen selbst bezahlen muss, hat die Kultur des Todes gesetzlich festgeschrieben.
Seite 107: Die Kultur der Betroffenheit ist tendenziell ein Pietismus ohne Gott.
Seite 110: (Junge Menschen brauchen) drei Dinge also: Orientierung und führende Hand, sichere Rituale, die jede Woche zur gleichen Zeit am gleichen Ort geschehen, und Sehnsucht nach Gesprächen.
Seite 151: Armut, Hunger und Weinen werden nicht im Geringsten spiritualisiert oder moralisiert. Jesus fragt nicht, warum diese Menschen arm, hungrig und traurig sind ... Wichtig in der Ansage an die Armen ist allein dieses, dass Gott ihr Geschick wendet.
Seite 154: Ich glaube an den Gott, der Gerechtigkeit will und der diese Gerechtigkeit durch seinen Sohn Jesus Christus uns kundgetan hat.
Seite 156: Die Armen im Geist sind gequälte Menschen, die man nervlich fertig macht.
Seite 157: Glaube bedeutet vom Griechischen her Einstellung, Treue, Geduld.
Seite 158: Menschen leben heute in "synchronisierten Einsamkeiten" (Klaus Hemmerle)
Seite 160: Gott ist Kind geworden – was besagt das in einer Gesellschaft, die so kinder-feindlich ist wie nie und nirgends je eine Gesellschaft? Es besagt zwangsläufig, dass noch nie Menschen so weit entfernt waren wie wir Heutigen von Gott.
Seite 166: Wer glaubt, beugt seinen Rücken nur noch vor Gott und nur noch für die Schwächeren. So sprach man im Mittelalter vom "Herrn Kranken".
Seite 181: Auch im Neuen Testament geht es nirgends (!) um den Gegensatz zwischen Leib und Geist, sondern immer um den Gegensatz zwischen irdisch und himmlisch, Vergänglichkeit und Heiligem Geist.
· Zeitordnung 1: Die Zeit, in der Jesus auf Erden wirksam ist – eine Phase der Freude
· Zeitordnung 2: Die Zwischenzeit, in der er nicht unter den Jüngern sein wird, ist die ernste Zeit der Vorbereitung
· Zeitordnung 3: Das Fest am Ende, wenn er wiederkommen wird, wo natürlich von Fasten keine Rede mehr sein kann, wo reine Freude herrscht
Seite 199: Die Sünde besteht immer darin, dass wir keine Zeit haben ... Alle Sünde ist kurzatmiges Raffen. Das Herz kann nicht mitwachsen, es wird buchstäblich überfahren. Durch das Raffen wird der Mensch nicht nur betrogen, am Ende macht dieses Handeln auch ihn selbst kaputt. ...
Man hat diesen Weg Jesu auch den indirekten genannt. Auch der Weg Jesu will Ganzheit, Lust, Fülle, Erfolg, Reichtum, Glück, Liebe, Herrschaft, Leben ohne Grenzen, das grosse Fest. Er will es in nie gekannter Radikalität. Wer den Weg Jesu wählt, wer leben will, kommt zum Leben, aber er kommt zum Leben durch Kreuz und Tod hindurch. Wer sich finden will, kommt zu sich, indem er ganz und gar nicht an sich denkt ... Der Weg Gottes führt durch das Gegenteil. Er geht auf die Nacht zu, um das Licht zu finden ... Glücklich wird, wer sich selbst vergessen kann ...
Seite 202: Im Neuen Testament dagegen soll niemand auf sich selbst verzichten, sondern sich nur lösen und befreit werden von Scheingütern und höchst vergänglichen Werten.
Seite 219: Wir sind glücklich, indem wir glücklich machen und uns am Widerschein freuen. Zu wissen, dass man glücklich macht, das ist das Glück. Und daher ist die Freude der einzige und der eigentliche Sinn jedes menschlichen Projekts, jeder einzelnen Lebensgeschichte.
Seite 220: Der Schenker gewinnt – sein Leben, seine Identität. Auferstehung ist der Erweis der unbesieglichen Liebe zum Leben. Auferstehung setzt diejenigen ins Recht, die Leben verstreichen lassen, ohne es krampfhaft und egoistisch raffen zu wollen. Und wo immer wir Freude wahrnehmen bei dem, der schenkt, ist es eine Freude, die für das steht, was fromme Leute das Ewige Leben nennen. Freude als Widerschein der Auferstehung in der Gegenwart, Freude als Sinn schon jetzt.
Seite 221: Alle Kreatur kann unsere Liebe nur begrenzt ertragen. Selbst menschliche Liebespartner brauchen hin und wieder Ruhe voreinander. Sie können nur begrenzt geben, weil nur begrenzt empfangen können. Wer in der Liebe vom anderen "alles" fordert, wird ihn garantiert überfordern (vielleicht boomen darum die Scheidungen?). Nur Gott kann "alles" geben, "alles" fordern. Gott ist die Selbstverwirklichung des Menschen.


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