Mittwoch, September 06, 2006

Wie man einen störrischen Esel zum Laufen bringt

In einem Städtchen war Jahrmarkt angesagt und zwei Knaben wollten da unbedingt hingehen. Doch ihr Vater hatte ihnen befohlen, dass sie zuerst den Eselskarren mit Heu heimholen müssten. Hastig haben die beiden das trockene Heu auf den Karren gehoben und den Heimweg angetreten. Der Bauernhof lag bereits in Sichtweite, aber der Esel begann zu bocken. Die Knaben haben am Esel gezerrt, gestossen und ihn angebrüllt. Doch der Esel tat keinen Schritt mehr. Nun haben sie auf ihn eingeschlagen und ihm Fusstritte versetzt. Doch nichts davon hat genützt. Schliesslich hat einer die Heugabel genommen und den Esel gepiekst. Der hat geschrien und sich geschüttelt, Blut ist auf den Boden getropft, aber er hat keinen Schritt getan.
Endlich hat einer der Knaben die zündende Idee: er hat eine Handvoll Heu vom Wagen genommen, sie unter den Esel gelegt und angezündet. Der Esel hat darauf zwei, drei Schritte gemacht und ist so der Hitze ausgewichen. Doch das Feuer stand nun unter dem Karren und das Heu hat Feuer gefangen.
Dadurch ist auch der Vater aufmerksam geworden und angerannt gekommen. Er hat das brennende Heu vom Wagen gerissen und gelöscht. Danach hat er das eingetrocknet Blut am Hintern des Esels gesehen und eine Ohrfeige ist gefolgt. "Seid ihr völlig verrückt geworden?"
Nachdem sich alle wieder beruhigt hatten, sagte der Vater: "Ich zeige euch nun, wie man mit einem Esel umgeht, der nicht weitergehen will!" Er hat sich zur Erde gebeugt und seine Hand mit Staub und Dreck gefüllt. Mit der anderen Hand hat er dem Esel das Maul geöffnet und streicht ihm die Erde hinein. Nun hat der Esel gehustet, ist gerannt und ist so schnell beim Bauernhof angekommen. Dort stand nämlich sein Wassertrog, an dem er immer getrunken hatte. Nur so wurde er diesen ekelhaften, erdigen Geschmack wieder los.
(Diese Geschichte stammt aus Amerika, frei erzählt nach Berthold Hebel)

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