Freitag, September 01, 2006

Gott erleben im Alltag

Der Alltag ist voll von Dingen, die einfach funktionieren müssen. Das normale Alltagsleben mit seinen Anforderungen ist aber auch wichtiger Teil des geistlichen Lebens. Eine gute Voraussetzung, um nicht abzuheben, und eine gesunde Verankerung im Irdischen und Menschlichen zu behalten. Und das bietet jede Gemeinschaft: Die praktische Arbeit muss laufen, jeder muss sich nach dem Rhythmus des Arbeitstages und des Essens richten. Es gibt ein gewisses Mass an Zwang, selbst wenn dahinter eine freiwillige Entscheidung liegt, nämlich bei uns die Wahl, zur Hausgemeinschaft, zum Saisonteam der Casa Moscia zu gehören.
Gemeinsames Leben ist auch ein Versuch eine gesunde Struktur zu erhalten. Bestehend aus kleinen Dingen, die funktionieren und Routinearbeiten, die einfach getan werden müssen. Und dies immer wieder: täglich, wöchentlich. Nichts ist unbedeutend, jede kleine Handlung hat Teil am Ganzen und trägt zur Gemeinschaft bei. Der Teufel zielt auf Spaltung und Auflösung. Wir aber sind berufen, Gutes zu tun und Menschen zu sein, die zusammenhalten. Wenn wir die tiefere Bedeutung dieser kleinen Dinge vergessen, ermüden wir rasch. Aber in jeder kleinen Handlung gibt es eine Absicht, eine Tiefe, eine geistliche Dimension. Lena Bergström spricht vom "Edelstein im Alltag". Darin liegt ein Geheimnis und auch viel Energie: eine Ordnung schaffen, die schön ist, die erleichtert, die Freude bereitet und nicht Machtmittel ist. Eine gute Ordnung, die aber auch ein gewisses Mass an Chaos einschliesst, so wie zur Schöpfung auch Wildes und Ungebändigtes dazu gehört.
Durch die Zugehörigkeit zur Hausgemeinschaft wird meine individuelle Freiheit begrenzt. Abhängigkeit und Verantwortung lehren mich, dass ich nicht immer meinen Willen durchsetzen kann. Gewohnheiten entstehen und helfen, werden verändert und manchmal in Frage gestellt. Die Gemeinschaft als Ganzes und der Einzelne werden auf die Probe gestellt, daran können wir wachsen und reifen. Zu menschlichen Beziehungen gehört auch Widerstand. Oft ist es gerade dieser Widerstand, der uns wachsen lässt. Man kann in solchen Umständen aber auch stehen bleiben und aufhören zu wachsen. Man kann so aufgefressen werden durch das, was einen nervt, stresst oder was getan werden muss, dass man nicht mehr auf die Wachstumsmöglichkeiten achtet. Wachstum beginnt in den Gedanken: Wenn ich lernen will, mich und die Menschen um mich herum als Gabe Gottes anzusehen, dann kann charakterliche Reifung geschehen. Wenn ich mein Arbeitsteam und meine Wohnpartner dagegen als Hindernis für meine Entwicklung ansehe oder sie als Entschuldigung für meine Trägheit benutze, dann wird nicht viel passieren.
Die Lösung für mich besteht darin, Gott ins normale Leben in der Casa Moscia und anderswo einzuladen. Gott will uns dort begegnen und umwandeln, wo wir gerade sind. Er hört meine Lieder und meine Wutausbrüche. Er sitzt mit uns am Tisch und hört, wenn wir streiten. Mitten in alldem gehen meine Gedanken zu ihm, um mit ihm zu teilen, was geschieht. Da gehören auch Seufzer und Klagen dazu. Und ihn um Hilfe zu bitten für Situationen, die schwierig sind. Es wie ein Dialog, ich höre zwar keine Stimme, es ist nichts Dramatisches, aber ich erlebe seine Gegenwart, die Bestätigung und Korrektur anbietet. Gott ist einfach da, obwohl mein Intellekt sich oft dagegen sträubt.
Durch meine Nächsten bekomme ich eine Menge Einsichten, die mir sonst fehlen würden. Ich beginne auch Gott in den Menschen zu sehen, weil das Leben letztlich aus seinen Händen kommt. Aber Menschen sind keine Engel. Sie stellen meine Geduld und meine Grenzen auf die Probe. Das ist eine Gelegenheit, mit offenen Augen die eigenen Schwächen anzuschauen, den unverarbeiteten Aerger und den Unwillen, die Kontrolle über mein Leben loszulassen. Alles, was ich auf diese Weise unterwegs entdecke, kann ich ins Licht bringen und zusammen mit Gott anschauen, wenn ich will und es wage. Es ist ein Weg der Freiheit, auf den ich mich begebe. Bekennen und sich versöhnen mit dem, was gewesen ist. Vergebung empfangen und vergeben. Demut lernen. Um Vergebung bitten dort, wo ich ärgerlich geworden bin. Wege suchen, um respektvoll, wertschätzend und versöhnt miteinander zu leben. Das alles ist nicht einfach, aber es bewahrt mich vor falschen geistlichen Ambitionen.
(Bei diesem Text bin ich inspiriert worden von Lena Bergström, einer schwedischen Pfarrerin)

"Lieber Gott: Manchmal fällt es mir schwer, alles mit dir zu teilen. Lieber möchte ich allein mit meinen Schwierigkeiten fertig werden und selber für mich sorgen. Befreie mich von dieser falschen Sicht, denn du bist ja da und meinst es gut. Du kennst, hörst und siehst mich wie niemand sonst. Ich darf deine vielen Zeichen der Liebe wieder neu erkennen und schätzen lernen. Darum gehe ich mit dir in die Nacht und den neuen Tag hinein. Amen"

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