Sonntag, September 22, 2013

Erfahrungen und Einsichten einiger USA-Wochen

Ein unglaublich vielfältiges Land, sowohl in geografischer, kultureller, sozialer, wirtschaftlicher und geistlicher Hinsicht. Noch immer ist die christliche Prägung, die sich in Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Interesse an fremden Personen zeigt, deutlich spürbar. Aber ich habe das Gefühl, dass sie etwas abnimmt, besonders in den Grossstädten der Ost- und Westküste. Da empfand ich mehr ein säkulares Klima wie bei uns. New York hat mich vor allem durch seine Multikulturalität, Grösse, Potenz und Geschwindigkeit beeindruckt. Das kommt auch in vielen Kirchen zum Ausdruck. Wir waren einmal in den Queens in einer mittelgrossen Gemeinde "new life Fellowship", wo Weisse, Hispanics, Asiaten und Schwarze eindrucksvoll gemeinsam Gottesdienst feierten und Gemeinschaft pflegten. Chicago war für mich "the real America" im Guten und im Schlechten: selbstbewusst, grosszügig, gastfreundlich, aber leider auch verschwenderisch. Die Nationalparks in Wyoming, Utah, Arizona und in Kalifornien sind von grandioser Schönheit und stiller Erhabenheit und laden zum Staunen ein. Kalifornien nimmt vermutlich vieles vorweg, was später in der ganzen Welt auftauchen wird: vom Computer, Internet und Handys bis zur Körperbetontheit, coolem Lebensstil und den fast unbegrenzten Möglichkeiten "anything goes". In diesem hippen, "easy going" Klima besuchten wir auch eine Gemeinde, die Vintage Faith Church in Santa Cruz. Eine eher jüngere, kunterbunte Gemeinschaft und Team um den 40jährigen Kreativ- und Querkopf Dan Kimball. Sie wird im weiteren Sinn zu der "Emerging Church"-Bewegung gezählt. Das sind Gemeinden, die die Menschen in der Postmoderne erreichen wollen mit etwas anderen Ansätzen und Formen: Weg von Masse und Konsum ("McChurch") hin zu mehr Einfachheit, Echtheit, Kreativität und Gemeinschaft. Kimball hat auch mehrere Bücher geschrieben, sein letztes habe ich gekauft. Es heisst "Adventures in Churchland. Finding Jesus in the mess of organized religion" und ist auch schön gestaltet und gut strukturiert. Es ist mein erstes Buch, das ich in Englisch lese, und ich bin begeistert, wie er seine Geschichte präzise entfaltet und die fragwürdige Subkultur vieler evangelikaler Gemeinden aufzeigt. Sein Ziel ist "graceland", eine Gemeinschaft, wo wirklich Gnade herrscht und auch Aussenseiter und Kirchenferne sie erfahren können.

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Freitag, April 20, 2012

The West and the Rest

Nicht jeder ist fähig, die wesentlichen Merkmale einer Zivilisation und Kultur herauszuschälen, der Autor Niall Ferguson ist es. Er hat als letztes "Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen." geschrieben. Es ist 2011 im Verlag Propyläen Berlin unter der ISBN-Nummer: 978-3-549-07411-4 erschienen. Der englische Ursprungstitel hiess: Civilization. The West and the Rest. Allen Lane. Penguin Books London. . . . . . . . Etwas zum Autor: Niall Ferguson wurde 1964 in Glasgow geboren. Heute ist er Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Finanz- und Wirtschaftsgeschichte an der Harvard Universität in Boston USA. Zudem ist er Senior Research Fellow der Universität in Oxford. Er gilt als einer der pointiertesten Historiker der Welt. Die letzten Bücher waren „Krieg der Welt“ (2006) und „Der Aufstieg des Geldes“ (2009). Er ist in zweiter Ehe mit der holländischen Somalierin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali verheiratet. . . . . . . . Zum Inhalt: Niall Ferguson gibt zu Beginn einige Grundsätze seines Geschichtsverständnisses weiter: Für ihn ist die Vergangenheit nicht einfach abgeschlossen, sondern sie lebt in der Gegenwart weiter in Form von Spuren wie Gegenständen und Dokumenten. Dabei geht es nicht um eine Sammlung von Beweisstücken, sondern um eine Geschichte des Denkens zu erkennen. Er will in seinem Geist das Denken der Menschen nachvollziehen, weil für ihn historisches Wissen vergangenes Denken ahnen lässt und sichtbar macht im Kontext der Gegenwart. Er versteht sich und die Historiker wie Wildhüter, die erfolgreich Spuren suchen und finden. Diese Erkenntnis klärt auch über die Gegenwart auf, weil sie ein Bestandteil der Geschichte ist. Wir studieren Geschichte, um die heutige Situation besser beurteilen zu können (nach R.G. Collingwood). . . . . . . . Ferguson hat klare Vorstellungen, weshalb der Westen eine solch globale Macht begründet und erhalten hat. Auf Seite 44 nennt er sechs entscheidende Faktoren dafür: . . . . . . . · Wettbewerb: durch Dezentralisierung, Gründung von Nationalstaaten und Kapitalismus . . . . . . . · Wissenschaft: Das Studieren, Verstehen und Verändern der Welt sicherte auch einen grossen militärischen Vorsprung . . . . . . . · Eigentumsrechte: Rechtsstaatlichkeit schützte Privateigentum und Freiheit, führte zu Frieden und Stabilität und brachte repräsentative Regierungen hervor . . . . . . . · Medizin: verbesserte die Gesundheit und erhöhte Lebenserwartung und Wachstum . . . . . . . · Konsumgesellschaft: Gebrauchsgüter wie Kleider spielten eine wesentliche Rolle in Wirtschaft und industrieller Revolution . . . . . . . · Arbeitsethik: Protestantismus bewirkte eine moralische Arbeitsweise, die zu höherer Leistung, besserem Zusammenhalt und grösserer Sparquote führte

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Mittwoch, Januar 26, 2011

Die Hunde vom Ararat


Der Untertitel dieses 374seitigen Buches lautet: Eine armenische Kindheit in Amerika. Es ist auf deutsch im Paul Zsolnay Verlag Wien im Jahr 2000 unter der ISB-Nummer 3-552-04951-7 erschienen; "Black Dog of Fate. A Memoir." heisst die Originalausgabe, die 1997 bei Basic Books New York aufgelegt wurde.

Der Autor Peter Balakian wurde 1951 als Sohn von armenischen Einwanderern in New Jersey USA geboren. Wie viele Amerikaner erlebte er eine unbeschwerte Kindheit in einer typischen, wachsenden Vorstadt der Sechzigerjahre. Seine gebildeten Eltern wollten den amerikanischen Traum leben und deshalb nicht aus dem gesellschaftlichen Rahmen fallen. Nur das Zuhause war etwas anders, denn hier kümmerte sich seine Grossmutter rührend um ihn und sprach zwischendurch liebevoll in armenischer Sprache. Das rührte ihn zwar irgendwie an, blieb ihm aber auch zutiefst fremd und unerklärlich. Manchmal, in vertrauten Momenten beim gemeinsamen Kochen und Backen, begann sie einfach zu erzählen und sagte: „Es war einmal oder war nicht, vor langer Zeit.“ Worte waren für die Grossmutter wie Freunde, die ihr in schlechten Zeiten Gesellschaft leisteten (Seiten 21 und 22).

Nach seinen Schuljahren ging Balakian an die Universität, studierte im unruhigen Nachgang von 1968 Literatur und begann zu schreiben. Erst als Erwachsener und nach dem Tod seiner Grossmutter kam er ihrem streng gehüteten und eingeschlossenen Geheimnis auf die Spur: Denn sie überlebte 1915 als eine der wenigen den Völkermord der Türken an den Armeniern. Doch davon erzählte sie ihm nie, denn sie konnte nicht über den „aghet“, die grausame und traumatische Verwüstung, reden.
Peter Balakian begann, sich für seine Herkunft zu interessieren und entdeckte in alten Dokumenten die unsägliche Leidensgeschichte seines armenischen Volkes, die im Genozid von 1915 endete. Das armenische Volk wurde damals von den Jüngtürken und ihren Helfershelfer aus seiner alten Heimat vertrieben. Die Männer wurden gefangen genommen, meist schnell hingerichtet oder ausserhalb der Dörfer und Städte systematisch ermordet. Frauen und Kinder wurden schutzlos in Richtung syrischer Wüste geschickt, sie wurden aber unterwegs ausgeraubt und vergewaltigt, und viele starben wegen diesen Strapazen und Entbehrungen. Nur wenige erreichten das sinnlose Ziel, Balakians Grossmutter war eine davon.
Auch ein Verwandter, Bischof Krikoris Balakian (1873-1934), konnte aus einem Gefangenenlager fliehen und schrieb später das Buch „Armenisches Golgatha“, das aber erst 1977 neu aufgelegt wurde.

Peter Balakian beschreibt die Ereignisse von damals ausführlich, verständlich und konkret, so dass einem zwischendurch fast der Atem stockt. Er zeichnet die Geschichte seiner Familie nach, interpretiert aber auch deren Schweigen und die Leugnung durch viele Türken und deren Einflussnahme auf Geschichtsschreibung und internationale Politik. Auf Seite 267 schreibt er treffend: „Und nach 1923 kümmerte sich niemand mehr um Armenien. Für die Armenier war es eine Pille, zu bitter, als dass sie sich hätte schlucken lassen, ein Schmerz, zu stark, als dass er sich hätte fühlen lassen.
Einer der Hauptgründe, weshalb es sich lohnt, dieses erschütternde Werk zu lesen, ist Balakians Umgang mit Erinnerungen und seine Beschreibungen der traumatischen Erfahrungen und dem Schweigen der Grossmutter. Er nennt diesen Vorgang „die steinerne Tür zu ihrer eigenen Vergangenheit schliessen“ (Seite 366). Judith Herman, die sich intensiv mit Trauma und Genesung auseinandergesetzt hatte, prägte den Satz: „Die bestimmende Reaktion auf Gräueltaten besteht darin, sie aus dem Bewusstsein zu verbannen. Das ist die Bedeutung des Wortes „unsäglich““. Auf Völkermord können Direktbetroffene eigentlich nur mit Betäubung reagieren, das tat Balakians Grossmutter mehr als zwei Jahrzehnte lang, was sich gegen aussen in Schweigen manifestierte. Nur zwischendurch tauten ihre eingefrorenen Emotionen bei ihrem Enkel ein wenig auf. Aber Peter Balakian ist mit diesem Buch zum respektvollen und würdigen Sprachrohr seiner schweigenden Grossmutter geworden! Ein wirklich informatives Buch über Armenien, Anatolien und Amerika, aber auch über Ahnenforschung, Achtundsechzig und Achtsamkeit.

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Samstag, April 10, 2010

Wachsender Fundamentalismus


In Amerika fand 1925 der sogenannte „Affen“-Prozess in Tennessee statt, bei dem Herr Scopes, ein Lehrer, der die Evolutionstheorie Darwins gelehrt hatte, zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Aber in der Argumentation vor Gericht hatte Darrow, der Scopes verteidigte, gegen den konservativen Bryan, die deutlich besseren Argumente und versetzte den christlichen Fundamentalisten einen harten Schlag, von dem sie sich lange nicht mehr richtig erholen konnten.
1927 wurde die Bob Jones-Universität in Florida gegründet, die dann nach Tennessee übersiedelte und heute in Greenville (South Carolina) beheimatet ist. In den Dreissigerjahren gab es 76 fundamentalistische Bibel-Colleges in den USA, wobei Wheaton bei Chicago das bedeutendste war.
Der „Bibelgürtel“ im Süden der USA (von Virginia Beach mit Pat Robertson und seinem Christian Brodcasting Network und dem 700er Club, Lynchberg mit Jerry Falwell, Charlotte mit Jim und Tammy Bakker und bis Südkalifornien hinein) formierte sich, indem er gegen die zunehmende Säkularisierung der 60er Jahre reagierte. Abschaffung des Schulgebets, ungezügelte Sexualmoral und Abtreibung waren dabei die heiss umkämpften Themen.

Die islamische Welt war im 20. Jahrhundert geprägt von Veränderungs- und Erneuerungsdruck, die von den überlegenen westlichen Kolonialmächten ausgingen. Die „Ulama“, die islamische geistliche Führung war dieser Entwicklung häufig feindselig eingestellt.
Hasan al-Banna, 1906-49, Sohn eines ägyptischen Scheichs, Lehrer und Sufi, war beschämt über den erniedrigenden Zustand der „Umma“, der islamischen Gemeinschaft. Er gründete die Muslimbruderschaft, die 1950 nach seinem Tod 2'000 Einheiten zu ungefähr 500 Mitglieder, also etwa eine Million Mitglieder umfasste. Diese Organisation wollte zum ursprünglichen Islam Muhammads zurück, war hierarchisch aufgebaut, eher intellektuellenfeindlich eingestellt und verfügte über einen terroristischen Geheimapparat, den „al dschihazz as-sirri“, der 1954 unter Nasser aufgelöst wurde.

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Donnerstag, März 25, 2010

Aufkeimender Fundamentalismus


Armstrong betrachtet den Fundamentalismus generell als Phänomen der Moderne und als Reaktion auf Aufklärung und Säkularisierung, die dem Glauben viel Terrain abgerungen hatten. Die vormoderne ergänzende Zuordnung von Religion und Vernunft funktionierte daher nicht mehr. Fundamentalisten wollten aber weiterhin fürs ganze Leben zuständig sein und vertraten daher häufig einen rationalen Glauben, der möglichst alles erklären und einordnen konnte.

In der christlichen Welt war wiederum Nordamerika führend, wiewohl John Nelson Darby (1800-82) aus England stammte. Er entwickelte die Sicht einer siebenteiligen Heilsgeschichte, den „Prämillenarismus“. Cyrus Ingerson Scofield (1843-1921) übernahm diese sieben Epochen in seinen Erklärungen zur Scofield-Bibel 1909. Der einflussreiche Erweckungsprediger Dwight Moody (1837-99) gründete 1886 das Moody-Bibelinstitut Chicago.
1901-15 wurde eine zwölfteilige Reihe „The Fundamentals“ durch führende konservative Theologen verbreitet in einer Auflage von je drei Millionen Stück. 1910 veröffentlichten bedeutende Presbyterianer Princetons eine Liste mit den fünf massgeblichen, unaufgebbaren christlichen Dogmen:
1. Irrtumslosigkeit der Bibel
2. Geburt von Jesus Christus durch die Jungfrau Maria
3. Jesu Kreuzestod als stellvertretende Sühne für die Menschen
4. leibliche Auferstehung der Toten bei Wiederkunft Jesu
5. objektive Wirklichkeit der Wunder Jesu

Die jüdische Welt war im 19. Jahrhundert vom aufkeimenden Zionismus bestimmt. Der war häufig säkular orientiert, hatte aber trotzdem eine spirituelle Komponente und transzendente Bedeutung. Die Arbeit „awoda“ auf den Feldern Israels sei Spiritualität, die Ganzheit und Heiligkeit bringen wird. Einige Exponenten erkannten aber, dass diese säkulare Ausrichtung auch Gefahren birgt, die zu Nationalismus, Entgleisung, Entmenschlichung, Zerstörung und Dämonisierung führen können, (wie es später in der Türkei, Russland, Deutschland und China mit den Massenmorden auch geschah). Auch das Vokabular der Zionisten lehnte sich an religiöse Begriffe:
· „alija“ Aufstieg zu höherer Seinsweise wird zur Einwanderung
· „olim“ Aufsteigender und Pilger wird zum Einwanderer
· „chaluz“ Befreiter, Erlöster und Geretteter wird zum Pionier

Etwas andere Richtungen schlugen die Geistesgrössen Martin Buber (1878-1965), der den Chassidismus vermittelte, Franz Rosenzweig (1886-1929), der Tora, Symbole, Rituale und Mythologie aktualisierte und Gershom Scholem (1897-1982), der die Kabbala erklärte.

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Montag, März 15, 2010

Karen Armstrong: Im Kampf für Gott

Karen Armstrong wurde 1945 in England geboren. Sie war sieben Jahre katholische Nonne, bevor sie 1969 ihren Orden verliess. Danach ging sie nach Oxford und lehrte am Leo Baeck College for the Study of Judaism. Sie ist Religionswissenschaftlerin und verfasste zahlreiche internationale Bestseller, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Ihr Werk "Kampf für Gott. Fundamentalismus in Christentum, Judentum und Islam" erschien im Jahr 2000 bei HarperCollins Publishers in London und wurde 2007 bei Goldmann verlegt unter der ISBN-Nummer: 978-3-442-15496-8.

Als Religionswissenschaftlerin verfügt Karen Armstrong über profunde Kenntnisse des Judentums, des Christentums und des Islams, die sie mit ihrem weitgehend sachlichen und informativen Schreibstil vermittelt. Sie versteht es ausgezeichnet, mittels wesentlicher Personen und Ereignisse eine verständliche und überblickbare Geschichte dieser drei monotheistischen Religionen und deren Wirkungen zu skizzieren.
Der Hauptgedanke dieses Werk ist in den Begriffen „Mythos“ und „Logos“ zu finden, den sie auf die Geschichte anwendet. Ein Mythos war bis zur Aufklärung der tragende religiöse Grund aller Gesellschaften, die zudem stark von der Landwirtschaft und deren Zyklen geprägt waren. Sie behauptet, dass ein historisches Ereignis erst religiös werden kann, wenn es mythologisiert wird. Der Rationalismus setzte jedoch den „Logos“ absolut und verdrängte den Mythos weitgehend. In Form von Aberglauben, Ritualen und später der Psychoanalyse tauchte er teilweise fragwürdig aber wieder sinngebend auf.

Die neuere Geschichte des Judentums ist von folgenden tragischen Ereignissen geprägt:
1378 und 1391 überfielen Christen in Aragon und Kastilien Juden, 1449-74 folgten ähnliche Verfolgungen, häufig bestand für die Juden nur die Wahl zwischen Auswanderung und Bekehrung. Bekehrte Juden wurden Marranen genannt, die oft auch beärgwöhnt und verfolgt wurden. Auch anderswo in Europa wurden Juden vertrieben: 1421 aus Wien und Linz, 1424 aus Köln, 1439 aus Augsburg, 1442 aus Bayern, 1454 aus Mähren, 1485 aus Perugia, 1486 aus Vicenza, 1488 aus Parma, 1489 aus Mailand und Lucca und 1494 aus der Toskana.
1492 begann in Spanien eine folgenschwere ethnische Säuberung, gleichzeitig entdeckte Kolumbus Amerika.
1534-72 lebte der berühmte Kabbalist Isaak Luria in Safed, der dieser jüdischen Mystik entscheidende Impulse verlieh. Gott wurde „En Sof“ genannt, was „ohne Ende“ bedeutet. 1665 erklärte sich Sabbatai Zwi zum Messias, er verfügte über viele Anhänger im osmanischen Reich. Als er von den Osmanen gefangengenommen wurde, konvertierte er zum Islam und enttäuschte seine Nachfolger gewaltig.


Zum Islam vermerkte Armstrong, dass die Sunniten Mohammed mythologisierten, während die Schiiten das Gleiche mit seinen Nachkommen taten. Einschneidend war für den Islam 1798, als Napoleon Alexandria eroberte. Die islamisch geprägten Staaten waren den westlichen Eindringlingen nun nicht mehr gewachsen in verschiedenster Hinsicht, und die wissenschaftlich-säkulare Kultur des Westens bedrohte und veränderte die islamische Welt.


In der christlichen Welt war die Reformation und der Rationalismus einschneidend und prägend für die Menschen. Armstrong bezeichnet aber Luther als noch mittelalterlich und mythisch geprägt, denn Erkenntnisse aus Natur und Wissenschaft spielten bei ihm kaum eine Rolle, Gott und die Welt blieben getrennt. Dagegen war Calvin in seiner Theologie deutlich rationaler und wissenschaftsfreundlicher. Dies ermöglichte die Erforschung der Natur und des Weltalls, wobei Kopernikus, Kepler und Gallilei wichtige Entdeckungen machten kurz nach der Reformation. Descartes und Newton war von den ersten Personen, die eine ganz rationale Weltsicht hatten, weil sie vom rationalen Denken durchdrungen waren.
Auch die Entwicklungen in Nordamerika beschreibt sie anschaulich: Amerika war ursprünglich durch die Gründerväter stark vom Rationalismus und dem daraus folgenden Deismus beeinflusst. Erst etwa um 1734, als die erste grosse Erweckung stattfand, wobei der gebildete Calvinist Jonathan Edwards (1703-58) führend war, nahm der Einfluss der frommen Protestanten zu. Bei der zweiten grossen Erweckung war der Methodist George Whitefield (1714-70) an vorderster Front. Und mit der dritten Erweckung holte Charles Finney (1792-1875) den Mittelstand ins fromme, evangelikale Boot. Die Religionsfreiheit und der Calvinismus, der sich im Kongregationalismus manifestierte, liessen aber auch viel Raum für Individualisten, die Spekulationen lehrten und Sonderlehren verkündeten, wie der Gründer der Mormonen Joseph Smith (1805-1844) und auch weitere eigenwillige Propheten.

Zusammenfassend beschreibt Armstrong die Verschiebung vom Mythos zum Logos auf Seite 143 so: „Kopernikus hatte den Menschen aus dem Zentrum des Weltalls vertrieben, Descartes und Kant hatten ihn der natürlichen Welt entfremdet, und jetzt behauptete Darwin, der sei nichts als ein Tier, sei nicht eigens von Gott geschaffen worden, sondern habe sich entwickelt wie alles andere auch. Tatsächlich schien für Gott im Schöpfungsprozess kein Platz mehr zu sein, und die Welt, „blutig an Zähnen und Klauen“, hatte keinen göttlichen Zweck mehr.

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Sonntag, Januar 31, 2010

Narzissmus - eine Epidemie der Selbstverliebtheit




Letzte Woche habe ich in der Schweizer Tageszeitung "Der Bund" einen aufschlussreichen Artikel über die dramatische Zunahme der Selbstverliebtheit junger Menschen in den USA gelesen. Schön wäre ja, wenn das nur die "bösen" Amerikaner betreffen würde, aber ein zitierter deutscher Psychologe namens Hans-Werner Bierhoff meint, "Wahrscheinlich ist das aber nicht, ich fürchte wir stecken mittendrin".
Die Amerikanerin Jean Twenge spricht von "Generation Me" und "Narzissmus hat so viele negative Konsequenzen." (Es gab mal den treffenden Titel "I, me and myself", der dieses Lebensgefühl beschrieb.) Um den Narzissmus zu erklären und zu beschreiben wird selbstverständlich auch der sechzehnjährige Jüngling Narziss aus der griechischen Mythologie erwähnt, auf den der Begriff zurückgeht. Er versagte aus Stolz der Nymphe Echo seine Liebe, worauf ihn diese mit einem Fluch belegte: Er musste seine Spiegelung im Wasser lieben, die sich ihm aber immer wieder entzog.
Als Hauptgründe der Zunahme des Narzissmus wird die Individualisierung und Medialisierung genannt, die sich zunehmend bis in die Familien und Beziehungen auswirken. Medien gieren nach Promis, Casting-Shows und Reality-Sendungen nehmen zu. Die eigene Bedeutung und Attraktivität wird massiv überschätzt, ehrgeizige Eltern fördern diese Selbstüberschätzung und Selbstbezug ihrer Kinder noch durch übermässige Förderung und Verwöhnung. All das verzerrt den Beitrag anderer Personen und eines Partners und entwertet und entwürdigt diese tendenziell. Auch wird auf andere Personen Druck ausgeübt, denn sie haben schliesslich nach meiner Pfeife zu tanzen. Auf den ersten Blick wirken Narzissten oft attraktiv und erfolgreich, doch der deutsche Psychologe rät: "Finger weg von einem narzisstischen Menschen!"

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Montag, August 28, 2006

Mike Yaconelli

Mike Yaconelli lebte in Yreka, Nordkalifornien. Er war ein total nonkonformer Typ, der ein Satiremagazin gründete und einen Materialdienst für christliche Jugendarbeit betrieb: www.youthspecialties.com (Einige seiner Bücher wurden übersetzt und kamen auch in Deutsch heraus.)
Im Jahr 2004 half er seinem Vater beim Umzug und verunfallte danach mit seinem Auto tödlich. Ich habe einige Worte von Karla Yaconelli, seiner Frau, anlässlich der Abdankung von Mike Yaconelli in Yreka, California und dem Gedenkgottesdienst in San Diego, ins Deutsche übersetzt, weil sie mich beeindruckt und bewegt hatten:

„Aschenputtel“ Michael Charles Yaconelli.

"Unorganisiert. Total integer. Nett. Aufrichtig. Intensiv. Exzentrisch. Leidenschaftlich. Spontan. Zwischendurch ärgerlich. Extrem strahlend. Schmerzhaft ehrlich. Gesellig. Zu tiefst unsicher. Eine eigenartige Mischung aus Introversion und Extraversion. Spassliebend. Voll Zweifel... glaubensvoll... glaubensstiftend. Unpraktisch. Sorglos. Einsam. Abenteuerlich. Absoluter Meister der Romantik. Selbstkritisch. Inspirierend. Empfindlich. Kraftvoll. Stresskandidat. Kuschelig. Besessen von der Gnade. Gefüllt von Gnade. Leidenschaftlich. Poetisch. Verrückter auf den Strassen. Ausgelassen. Zwischen standfest und starr. Feinfühlig. Moralisch. Selbstlos. Sorglos und launisch. Prophetisch. Künstlerisch. Widerspenstig. Weise. Grosszügig. Ueberfallen von Angst. Rebellisch. Generös jenseits jeglicher Beschreibung. Jagte Gott nach. Jesus-Liebhaber. Stolz auf Jesus. Jesus wohnte in ihm. Mein...."

Was löst diese Beschreibung in dir aus?

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Sonntag, Juni 11, 2006

Herkunft Enneagramm

Im April 06 habe ich mit meiner Arbeitskollegin Ruth Michel einen Enneagrammkurs in der Casa Moscia geleitet. Ich kenne das Enneagramm seit ungefähr 15 Jahren und es hat mich auf meinem geistlichen Lebensweg weitergebracht. Nun habe ich mich erneut bezüglich der Bedeutung, Herkunft, Chancen und Gefahren nochmals schlau gemacht. Nachstehend einige Gedanken dazu:
Der Name „Enneagramm“ ist griechisch und bedeutet neun Buchstaben, neun Punkte, Neuneck oder Neunerfigur. Dass Zahlen eine grössere und tiefere Bedeutung haben können, geht wahrscheinlich auf den Griechen Pythagoras (569-496 vChr) zurück. Der Ursprung und die Herkunft des Enneagramms als Charaktertypologie ist jedoch weitgehend unklar und kann nicht eindeutig zugeordnet werden. Es gibt verschiedene Vermutungen, wenige Ueberlieferungen, Bruchstücke und Vorstufen. Das Alter wird auf ungefähr 2'000 Jahre geschätzt. Als Entstehungsort wird Persien oder Afghanistan angenommen, ein kultureller und spiritueller Schmelztiegel der damaligen Zeit und Welt. Verschiedene Einflüsse waren dort am Werk, für das Enneagramm waren wesentlich:

Frühchristliche: Der Apostel Thomas hat das Evangelium von Jesus Christus ostwärts getragen. Man nimmt an, dass er 53 nChr in Nordindien gewesen war. Die Ausbreitung des christlichen Glaubens erfolgte entlang der Seidenstrasse bis nach Indien und China (gemäss Inschriften ca. 400-600 nChr). Die Nachfolger von Thomas wurden "Nestorianer" genannt, gemäss Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel 428-431 nChr. Dieser wurde 431 nChr auf dem Konzil von Ephesus als Häretiker verurteilt, weil er Maria nur als Christus- und nicht Gottesgebärerin akzeptieren wollte. Er starb 451 nChr in Aegypten. Die Nestorianer verbreiteten sich ausserhalb des römischen Reiches und hatten eine andere Entwicklung als die westlichen Kirchen durchgemacht. Es gibt sie noch heute, sie nennen sich: Asssyrische, Persische oder Chaldäische Kirche.
Im vierten Jahrhundert wurde das Christentum im römischen Reich zur Staatsreligion. Viele wollten oder mussten Christinnen und Christen werden, jedoch das geistliche Leben wurde oberflächlicher. Das trieb ernsthafte Gläubige aus den Städten in die Wüste Aegyptens, wo sie ein einsames, kontemplatives Leben führten, um in Gott zu ruhen. So entstanden die Wüstenväter, der Georgier Evagrius Pontikus (345-399 nChr) war einer von ihnen. Er sagte: „Ein Gebet, das durch nichts mehr abgelenkt wird, ist das Höchste, das der Mensch zu Wege bringt.“ Aus dem Gebet heraus entwickelte er eine Lasterlehre der sieben respektiv acht Phantasien, Leidenschaften oder Dämonen, die dem Menschen bei seiner Gottsuche im Wege stehen. Die katholische Kirche machte daraus die Lehre der acht Haupt- und der sieben Todsünden. (Gegenüber dem Enneagramm fehlen „nur“ Angst/Furcht und Lüge/Täuschung.)

Sufistische: Die Sufis sind eine mystische Variante des Islams und werden von orthodoxen Moslems teilweise heftig bekämpft. (ararbisch „suf“ bedeutet grobes Wollgewand.) Sie haben einige Elemente aus Judentum und Christentum aufgenommen und in ihr asketisches Leben integriert. Auch haben sie das Enneagramm weiterentwickelt und mündlich überliefert, weil ihnen Gottessuche und Seelenführung der Menschen wichtig waren. Für den Sufi ist das Wichtigste die Liebe, die sich ausdrückt in der Hinwendung zu Gott. Er will Gott nahe kommen, seine Wünsche zurücklassen und „sterben bevor man stirbt“. Er weiss, dass er Gott gegenüber arm ist, ein Derwisch, was Bettler bedeutet.

Im Mittelalter gab es in Europa immer wieder Personen, die sich mit geistlichen Prinzipien auseinandersetzten, die auch dargestellt und gelehrt werden konnten. Erwähnenswert sind der Spanier Ramon Lull, geboren 1232 in Mallorca, der neunteilige Figuren entwarf, die die Eigenschaften Gottes und der Menschen darstellten. Der Engländer Geoffrey Chaucer, 1340-1400, stellte fest, dass es für jede Sünde ein Gegenmittel, Heilmittel, eine Tugend gibt: Demut für Stolz, Gottesliebe - Neid, Geduld - Zorn, Tapferkeit - Trägheit, Barmherzigkeit - Geiz, Nüchternheit - Völlerei und Keuschheit - Buhlerei. Der deutsche Jesuit Athanasius Kircher 1602-80 war ein Universalgelehrter, der unter anderem die Figur der Enneade, was Neunheit bedeutet, entwickelte.

Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde das Enneagramm nur mündlich weitergegeben. Dazu waren nur geistliche Lehrer ermächtigt, die es punktuell an ihre Schüler weitergaben, damit diese Wachstumsschritte auf dem Weg zu Gott tun konnten.
Der Armenier Georg Iwanowitsch Gurdjieff (1866-1949) brachte Elemente des Enneagramms, die er in Zentralasien kennengelernt hatte, 1916 aus Afghanistan nach Europa (St. Petersburg und Paris) und übte damit bei seinen Anhängern grossen Einfluss und Macht aus. Er lehrte eher aus Erfahrung und Intuition und weniger systematisch und nachhaltig.

Der bolivianische Psychologe Oscar Ichazo war der Erste, der das Enneagon der Fixierungen, wie er es nannte, 1969 in Arica, Chile, systematisch lehrte. Der Chilene Claudio Naranjo brachte es 1971 in die USA ans Esalen-Institut in Big Sur bei San Francisco. Von dort übernahmen es John Lilly, der Jesuit Robert Ochs, die Psychologin Helen Palmer und viele andere und verbreiteten es in den USA. Nach Erprobung und Prüfung veröffentlichten 1984 der Jesuit Patrick O’Leary zusammen mit Maria Beesing und Robert Nogosek ein erstes Einführungsbuch und machten das Enneagramm in christlichen Kreisen populär. 1989 erschienen erste Bücher in deutsch, unter anderem das Standardwerk „Das Enneagramm“ vom Franziskaner Richard Rohr und dem evangelischen Pfarrer Andreas Ebert.
Heute gibt es drei Hauptrichtungen zu beobachten, die das Enneagramm gebrauchen und verbreiten:
* eine psychologische (humanistische Psychologie und Psychoanalyse, Leitfigur: Helen Palmer)
* eine esoterische (z. B. Arica, Chile und Esalen-Institut in Big Sur, Kalifornien)
* eine christliche (führend erscheinen mir hier nach wie vor katholische Ordensleute in den USA zu sein)

Wichtigste Quellen:
Richard Rohr & Andreas Ebert: Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele. Claudius München 1989
www.enneagramm-deutschland.de (Oekumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. Celle)
www.wikipedia.org/deutsch/enneagramm (empfehlenswertes, aktualisiertes Nachschlagewerk im Web)

Chancen und Gefahren im Umgang mit dem Enneagramm
Es gibt viele Chancen im Umgang mit dem Enneagramm, aber auch einige Gefahren sind zu beachten:
Chancen: Es ist ein Hilfsmittel und Werkzeug zur persönlichen, zwischenmenschlichen und geistlichen Entwicklung und Reifung. Durch Selbstbeobachtung kann ich mich besser kennen, einschätzen und auch gesund begrenzen lernen. Alle neun Gestalten sind gleichwertig, jeder bedarf der Ergänzung durch andere Menschen. Meine Weltsicht ist also nicht die einzige und schon gar nicht die beste. So kann ich andere besser verstehen, wertschätzen, würdigen oder auch nur stehen lassen. Das Enneagramm beinhaltet das grundsätzliche Potential und Dynamik zur Entwicklung und Veränderung der Menschen. Ich beginne meine einschränkenden und zerstörerischen Lebensmuster und meine dunklen Seiten anzuschauen. Ich werde aufgefordert, mich in eine Richtung zu bewegen, die der Integration und Gesundung der Persönlichkeit dient. Ich halte mich dem dreieinigen Gott hin, so dass er mir die Gnade und Kraft gibt zur Veränderung und mich in sein Bild verwandeln kann.

Gefahren: Es ist ein Modell und Wegweiser, nicht die Wirklichkeit an sich! Dies übersehen viele und stülpen das Modell über alle und alles, setzen es gar absolut oder verwenden es als Heilsweg (Tendenz zur Selbsterlösung. Erlösung schafft aber allein Gott!). So kann man es überschätzen, sich zu sehr darauf fixieren und sich auch überheben über andere. Denn Wissen ist Macht und verführt zur Manipulation! Auch Fehleinschätzungen bei sich und anderen sind häufig. Zudem macht das Enneagramm wenig Aussagen zu Alter, Geschlecht und Umfeld. Es ist völlig untauglich für Kinder und wenig geeignet Jugendliche bis 25 Jahren.



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