Sonntag, September 22, 2013

Erfahrungen und Einsichten einiger USA-Wochen

Ein unglaublich vielfältiges Land, sowohl in geografischer, kultureller, sozialer, wirtschaftlicher und geistlicher Hinsicht. Noch immer ist die christliche Prägung, die sich in Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Interesse an fremden Personen zeigt, deutlich spürbar. Aber ich habe das Gefühl, dass sie etwas abnimmt, besonders in den Grossstädten der Ost- und Westküste. Da empfand ich mehr ein säkulares Klima wie bei uns. New York hat mich vor allem durch seine Multikulturalität, Grösse, Potenz und Geschwindigkeit beeindruckt. Das kommt auch in vielen Kirchen zum Ausdruck. Wir waren einmal in den Queens in einer mittelgrossen Gemeinde "new life Fellowship", wo Weisse, Hispanics, Asiaten und Schwarze eindrucksvoll gemeinsam Gottesdienst feierten und Gemeinschaft pflegten. Chicago war für mich "the real America" im Guten und im Schlechten: selbstbewusst, grosszügig, gastfreundlich, aber leider auch verschwenderisch. Die Nationalparks in Wyoming, Utah, Arizona und in Kalifornien sind von grandioser Schönheit und stiller Erhabenheit und laden zum Staunen ein. Kalifornien nimmt vermutlich vieles vorweg, was später in der ganzen Welt auftauchen wird: vom Computer, Internet und Handys bis zur Körperbetontheit, coolem Lebensstil und den fast unbegrenzten Möglichkeiten "anything goes". In diesem hippen, "easy going" Klima besuchten wir auch eine Gemeinde, die Vintage Faith Church in Santa Cruz. Eine eher jüngere, kunterbunte Gemeinschaft und Team um den 40jährigen Kreativ- und Querkopf Dan Kimball. Sie wird im weiteren Sinn zu der "Emerging Church"-Bewegung gezählt. Das sind Gemeinden, die die Menschen in der Postmoderne erreichen wollen mit etwas anderen Ansätzen und Formen: Weg von Masse und Konsum ("McChurch") hin zu mehr Einfachheit, Echtheit, Kreativität und Gemeinschaft. Kimball hat auch mehrere Bücher geschrieben, sein letztes habe ich gekauft. Es heisst "Adventures in Churchland. Finding Jesus in the mess of organized religion" und ist auch schön gestaltet und gut strukturiert. Es ist mein erstes Buch, das ich in Englisch lese, und ich bin begeistert, wie er seine Geschichte präzise entfaltet und die fragwürdige Subkultur vieler evangelikaler Gemeinden aufzeigt. Sein Ziel ist "graceland", eine Gemeinschaft, wo wirklich Gnade herrscht und auch Aussenseiter und Kirchenferne sie erfahren können.

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Samstag, November 29, 2008

Kastanienselven



Gleich neben der romanischen Kirche in Biasca gibt es eine der wenigen gut erhaltenen Kastanienselven im Tessin. Die Bäume der Edel- oder Esskastanie wuchsen früher nicht im Wald, sondern in einer Art "Garten", in der "Selve". Das heisst zwischen jedem Baum hatte es Weidefläche für Ziegen und Schafe, jeder Baum hatte genügend Raum zu Wachstum und Entfaltung. Die Bäume wurden gepflegt, die dürren Aeste wurden abgeschnitten. Schliesslich handelte es sich bei der Kastanie um den Brotbaum, von dem die ärmeren Leute bis vor etwa fünfzig Jahren im Tessin lebten. Man wusste, dass die Ernte eines ausgewachsenen Baumes eine Person durch den Winter bringen konnte. Ursprünglich hatten die Römer diese Baumart bis ins Tessin und an die Südalpen gebracht; ein Kastanienbaum kann bis zu vier Meter dick und 1000 Jahre alt werden! Solche Exemplare sind aber heute äusserst selten geworden, man findet sie höchstens an abgelegenen und unzugänglichen Südhängen bis 1000 Meter über Meer, wo sie über gute Wachstumsbedingungen vorgefunden hatten und auch noch nicht umgehauen wurden. Denn früher wurde alles verwertet: Früchte, Blätter und schlussendlich das sehr beständige, zähe und wertvolle Holz für Balken, Zäune und Möbel. Aehnlich wie bei den Aepfeln gibt es unterschiedliche Sorten, die "Marroni" ist die beste davon, die dann über dem Feuer gebraten wurde. Die Früchte wurden im Oktober mittels Netzen geerntet und ins Dorf getragen. Dort wurden sie erlesen und die meisten wurden im "Ofenhaus" über Rauch getrocknet und so haltbar gemacht. Danach wurden sie zerschlagen und gemahlen, so erhielt man Kastanienmehl. Heute wird es noch in kleineren Mengen hergestellt und ist in Drogerien oder Spezialitätenläden erhältlich. Es ist beliebt gerade auch bei Weizenmehlallergikern, enthält es doch hauptsächlich Kohlenhydrate und viele verschiedene Mineralstoffe.

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