Sonntag, Juni 01, 2014

Martin Schleske: Der Klang

Martin Schleske wurde 1965 geboren, ist ein deutscher Physiker und ein renommierter Geigenbauer der Gegenwart, der in der Nähe von München lebt und im eigenen Atelier arbeitet. In seinem Buch „Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens“ (Kösel, München 2010. ISBN 978-3-466-366883-9) nutzt er sein Wissen und seine Erfahrung im Geigenbau als Vergleich zur Gottesbeziehung. Er beschreibt darin den Menschen als Instrument, das Gott zum Klingen bringen will und so seine Bestimmung findet. Auch im Geigenbau ist nicht das Instrument an sich das Ziel, sondern der schöne Klang, den es erzeugen lässt. Im Vorwort zitiert er Friedensreich Hundertwasser (1928-2000), der gesagt hatte, dass wir nicht mehr fähig seien, Gleichnisse zum Leben zu schaffen. Viel früher hatte Bonaventura (121-1274) festgestellt, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, das Buch, nämlich die Welt, zu lesen. Darum war es nötig, ihnen ein anderes Buch zu geben, das sie erleuchte, auf dass sie die Gleichnishaftigkeit der Dinge verstehen, die zu lesen sie nicht mehr fähig waren. Dieses andere Buch ist die Heilige Schrift, die uns Gleichnisse der Dinge vorlegt, die in der Welt geschrieben stehen. Mir scheint, dass es Schleske gelungen ist, mit seinem Buch „Der Klang“ ein neues, nachvollziehbares und inspirierendes Gleichnis geschaffen zu haben. Er führt uns in den Geigenbau ein, der mit der Beschaffung des Holzes anfängt. Jeder Teil der Geige hat seine spezifischen Anforderungen und Aufgaben, die sich in einer ganz bestimmten Materialwahl spiegelt: Bergfichte ist eines der wichtigen Hölzer, das für den Geigenboden verwendet wird. Es kann aber nur eine spezifische sein, ein sogenannter „Sänger“, der in einem rauen Klima knapp unter der Baumgrenze langsam gewachsen ist. Der Baum, der die klimatische Herausforderung bewältigt hat, wird zum klanglichen Segen für den zuhörenden Menschen. Der Geigenbauer hört die unterschiedlichen Klänge beim Herabrollen der Bäumstämme und wählt nur die am besten klingenden aus. Schleske vergleicht auf Seite 16-20: „Das Leben ist kein Weg im Flachland, wo die Dinge schnell wachsen und einfach zu finden sind, sonder es geht durch Brüche, Widrigkeiten und Unwegsamkeiten hindurch... Auch Gott suchen ist kein leichter Weg, aber denen wird das Herz aufleben, wie in Psalm 69,33 steht... Ein klingendes Leben erfordert Weisheit und Mut, glücklich der „Arme“, der sich nicht mehr alles erlaubt, denn er wird substanzieller, bewusster, konzentrierter, leidenschaftlicher und tragfähiger. Die wesentlichen Dinge kannst du jedoch nicht machen, sondern nur empfangen, aber du kannst dich empfänglich machen.“ Die ältesten Bäume der Welt sind die Grannenkiefern, die „Bristlecone Pines“, die in den kargen White Mountains im trockenen Osten Kaliforniens stehen, „Metuschelach“, die älteste Kiefer ist bereits 4'773 Jahre alt. Sie wachsen äusserst langsam, aber sie wachsen und leben und Wasser ist dabei unentbehrlich. Wasser steht in der Bibel für die Erkenntnis Gottes, und lebendiger Glaube ist Durst und Verlangen nach Gott. Andersartigkeit in der Schöpfung ist oft kein ästhetischer Luxus zur Förderung von Vielfalt, sondern lebensnotwendige Ergänzung. Auch wahre, echte Gemeinschaft beruht nicht darauf, dass wir einander verstehen, sondern darauf, dass wir einander vertrauen. So heisst charismatisch leben für Schleske andere Menschen zu unterstützen, die etwas vom Glauben leben, das ich (noch) nicht begreife. Der Entwurf: Von der Harmonie der Gegensätze Die Klänge einer Geige sind keine sichere Sache, sie bewegen sich zwischen Vertrautheit und Ueberraschung. Die negativen Extreme davon sind Starrheit oder Langeweile und Willkür oder Beliebigkeit. Töne kann man voraushören, beleben und zähmen laut Schleske. Ein Tropaion ist ein Zeichen am Ort der Entscheidung, Wende und Flucht. Nicolás Gomez Dávila habe treffend gesagt: Der Abstand zwischen Gott und dem menschlichen Vermögen ist so gewaltig, dass nur eine kindliche Theologie nicht kindisch ist (Seite 52). Schleske erwähnt noch weitere positive Gegensätze, auf die er achtet, und die mich an das Werte- und Entwicklungsquadrat von Paul Helwig und Friedemann Schulz von Thun erinnert haben: · Leidenschaft (Glaubensunruhe) – Gelassenheit (Glaubensruhe), die in Fanatismus – Gleichgültigkeit umschlagen können (Schleske: Der einzig ruhige Mensch ist der geliebte Mensch. Seite 81) · Treue/Verbindlichkeit – Freiheit, die in Gesetzlichkeit und Beliebigkeit abkippen können · Grosszügigkeit – Sparsamkeit, die in Verschwendung – Geiz ausarten können · Gnade/Verheissung – Arbeit/Forderung, die zu Schwärmerei – Getriebenheit werden können · Demut/Ohnmacht/Schwachheit – Segen/Vollmacht/Kraft werden zu Resignation und Triumphalismus · Erlauben/Zulassen – Wollen/Gestalten werden extremerweise zu Planlosigkeit und Zwanghaftigkeit · Hören – Tun werden zu Intellektualismus –Pragmatismus entwertet · Wahrheit – Güte werden zu Lieblosigkeit und Dumpfheit · Vollkommenheit – Vorläufigkeit werden zu Perfektionismus – Halbherzigkeit. Nebst eigenen Gedanken und gemachten Erfahrungen baut Schleske immer wieder auch passende Zitate ein, wie: Mein Herz bleibt unruhig, bis es dir, Christus, alles übergibt, was es fernhält von dir. Frère Roger Schutz Nur der Reine kann den Sünder annehmen, weil er zuerst das Geschöpf und nicht die Sünde sieht. Geri Keller Vollkommen ist Oeffnung zu Gott hin, jeder Ton ist ein Lobpreis Gottes. Gott ist mehr ein Künstler, der weise gestaltet und zulässt als ein Konstrukteur, der verbissen seinen Plan verfolgt. Viele Gleichnisse, die Jesus erzählt hatte, handeln vom Wachsen und nicht vom Bauen (Seite 99). Uebe, was Gott dir gebietet, so wirst du erkennen, wer er ist; verwirkliche, was dir geboten ist, so wirst du begreifen, wer du bist. Die Stimme Gottes wirst du nirgends klarer hören als in der inneren Stimmigkeit mit seinem Willen. Sünde ist Unstimmigkeit nach Genesis 3 (Seite 106). Gott hält nichts von Unterwürfigkeit, aber sehr viel von Demut. Der Geliebte lebt anders, er tanzt mit seiner Berufung. Gesetzlichkeit ersetzt Gottesliebe etwa wie der Automat das Instrument (Seite 118). Der Geliebte und die Gemeinschaft wird angegriffen von Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit, von Moral und Autonomie, die den breiten Weg verkörpern. Der schmale Weg dagegen lebt von Gebotenem, Gewordenem und Gegebenem. Die Wölbung der Geige repräsentiert Ehrfurcht vor Gott, der Faserlauf das Sein in Gottes Händen (Seite 121). „Per-sonum“ heisst durch den Ton; Gott will seine Anwesenheit durch uns Zerbrechliche zur Geltung bringen. In der Welt gibt er uns Anteil an sich selbst durch seine Gegenwart. Wir hören Gott nicht pur, sondern einer durch den andern. Ein Musikinstrument ist nicht sichtbares Holz, sondern wirksamer Klang (Seite 131). Schleske beharrt darauf, dass wir geliebt und berufen sind, wir sind und sollen etwas tun, wir lieben und leiden. Die materiellen Bedürfnisse deines Nächsten sind dein spirituelles Anliegen, gemäss Israel von Salant. Jede herrschsüchtige Geste würde Gottes Antlitz entstellen. Frère Roger Schutz. Liebende werden wir, wenn wir die Sanftmut und Demut des Heiligen Geistes erahnen; denn im Geist Gottes ist auch etwas Verletzliches und Zartes. Glaube heisst, sich Gott zu stellen, und zwar nicht nur einer segnenden, sondern auch einer kritischen Instanz. Doch Gottes Geschichte mit der Welt ist keine Unterwerfungs-, sondern eine Berufungsgeschichte (Seite 158). Es gibt Dinge, die kann man nicht über Gott sagen, sondern nur zu Gott und eigentlich nur in Gott. Die Schöpfung selbst ist eine gewaltige Passion, Gott hat sein Sein verlassen, damit es eine Welt, ein Werden gibt. In Jesus geht es nicht um die Erlösungskraft des Leidens, sondern um die Leidensbereitschaft der erlösenden Liebe. Nicht Leiden hat Erlösungskraft, sondern die Liebe ist auch bereit zu leiden. Jesu Blut macht uns nicht deshalb gerecht, weil es Blut ist, sondern weil es sein Herz ist und sein gegebenes Leben zeigt. Mit der Erschaffung der Welt hat sich Gott seiner Macht entkleidet, nun sehen wir seine Machtlosigkeit am Kreuz nochmals konzentriert. Religiöse Dogmen hoffen auf unser schlechtes Gewissen, aber sie können uns weder Augen noch Ohren öffnen. Nur wenn wir Gottes Anwesenheit als etwas Verletzbares begreifen, werden wir beginnen, Gott und zugleich uns selbst ernst zu nehmen. Gnade ist der Raum, den wir dem andern bereiten. Gott offenbart sich dem Suchenden, er spricht zum Hörenden, und er bezeugt sich durch den Liebenden (Seiten 166-169). Schleske erachtet gute Gegenfragen als besser als eine banale Logik in der Sache der Allmacht Gottes zu haben. Der Gegensinn bestehe in der Verletzbarkeit Gottes und der Mündigkeit des Menschen. Gott und Menschen seien in einem untrennbaren Zusammenspiel. Wir müssen befreit werden von den Feindbildern gegen Gott, die wir in uns tragen: · vom Bild des zynischen Gottes, der nicht eingreifen will · vom Bild des rachsüchtigen Gottes, der Opfer will · vom Bild des abwesenden Gottes, der gar nichts will. Der verschlossene Klang gleicht dem Wegwerfen der Gnade, dies geschehe durch Verstockung in Stolz, sich in Angst verstecken oder sich in eine selbstentwertende Opferrolle zurückziehen. In der Eucharistie, im Abendmahl, kann ich dagegen jede Eigenmächtigkeit ablegen und nur noch aus Dank bestehen und mich so Gott ergeben. Durch den „Sündenfall“ (Genesis 3,16-17) haben wir diese Stimmigkeit verloren. Aber Gott kommt uns entgegen, er wird um unseres Bewusstseins willen Sinn, unserer Abgründigkeit willen der Heilige, unserer Heimatlosigkeit willen der Liebende, unserer Lieblosigkeit willen der Vergebende, unserer Endlichkeit willen der Ewige, unserer Empfänglichkeit willen der Heilige Geist und wegen unserem Ich zum Du. Gott ist die Liebe, die uns zu Personen macht und so zum Bild Gottes, seine Liebe atmet etwas vom Geist der Ewigkeit (Seiten 190-201). Schleske versteht christlicher Glaube als etwas Lebendiges und Dynamisches, deshalb können auch Phasen der Zweifel unser inneres Leben bilden und formen. Denn Zweifel erschüttert zu Recht alles, was nicht Liebe war. Kraft zur Ueberzeugung hat nicht, was ich glauben kann, sondern was ich lieben will. In Krisen wird das Tragende allein die Liebe sein. Für einen gesetzlichen Glauben ist dies undenkbar, ihm fehlt der Mut der Gottesferne. Glauben ist wachsames Stillesein und ein Hinsehen auf die Werke Gottes wie beim Propheten Jesaja. Unser Glaube soll eher ein innerer Lehrer als eine bekenntniskorrekte Lehre sein. Glaube heisst auch, dass wir hinsehen und fragen, was uns angesichts unserer täglichen Wirklichkeit geboten und verheissen ist, was Gott uns mit der Wirklichkeit sagen will. Glauben heisst in etwas Geschehenes einwilligen, etwas Gebotenes tun und einen neuen Weg bahnen (Seite 236-242). Person als Begriff ist uns bestens bekannt, aber wir wissen kaum, dass er aus „per sonum“ zusammengesetzt ist und eigentlich „für den Klang“ bedeutet. Unsere Aufgabe ist es also, ein Gottessänger zu sein. Darum kann Musik auch in Klang gegossenes Gebet sein. Der Glaube hat für Schleske denkende, betende, handelnde und feiernde Aspekte. Ich bitte und empfange, also bin ich. Und ich lasse mir von Jesus die Füsse waschen. Wir brauchen Gottes Reinheit, um empfindsam und empfänglich für Gott zu werden. Wenn wir innerlich aufgerichtet sind, können wir äusserlich aufrichtig leben. Ohne Dankbarkeit machen wir unser Leben zur Schwarzmalerei, ohne Reue zur Schönfärberei. Vergebung bedeutet im Tiefsten, dass Gott mich gegen mich selbst verteidigt. Durch Vertrauen in Gott muss ich nicht ständig Stärke und Schwache erspüren. Das lebendige Wasser des Evangeliums schuf sich demütig das Flussbett der Kirche (Seiten 246-302). . . . . . . . . . . . . Schleske vergleicht die verwendeten Harze für die Lackierung der Geige, die dem Schutz, Klang und der Schönheit dienen, mit dem geistlichen Leben: · Mastix glänzt und kann mit einer Gemeinschaft im Lobpreis verglichen werden · Myrrhe ist ein Heilmittel und wie die Frucht der Lippen (Jesaja 57,18) · Aloé ist wie eine helfende Gemeinschaft (Jesaja 45,13-18) · Schmelzkopale sind wie klärende Orientierung (Jesaja 48,17) · Venezianer Terpentin verhindert Risse, Härte und Sprödigkeit · Kopale sind hart, stark und bewahrend (Jesaja 26,2) · Benzoeharz ist ein Leuchtmittel (Jesaja 50,4) Das beste Buch zum Heiligen Geist sei das von Raniero Cantalamessa: Komm, Schöpfer Geist – Betrachtungen zum Hymnus Veni Creator Spiritus. Freiburg i.B. 1999 und 2007. Der symphonische Musiker ist in Komposition, Taktstock und Stimme ein Gleichnis dessen, der Gottes Wille lebt; er brauche Wort Gottes, den Heiligen Geist und die Charismen. Das Du der Gemeinschaft - nicht das Ich - ist das wahre Gegenüber Gottes. Jede Resonanz ist gekennzeichnet durch Frequenz, Schwingungsform und Gipfelbreite; so ist auch jeder Mensch eine Persönlichkeit, ein Dreiklang geformt aus Charisma, Charakter und Kompetenz. Das Geheimnis der geistlichen Gemeinschaft ist die Abkehr vom blossen Ich. Es geht im Leben darum, nicht nur zu begreifen, sondern ein ergriffener Mensch zu werden; das 351 seitige Buch von Martin Schleske kann dazu eine inspirierende, gehaltvolle Anregung sein!

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Mittwoch, Juli 06, 2011

Bavona





Der Fluss Bavona beginnt bereits im Cristallinagebiet und fliesst bei Bignasco im hintern Maggiatal in die Maggia. Er hat dem wilden, urtümlichen Bavonatal seinen Namen gegeben. Früher wurde hier versucht, diesem steinschlaggefährdeten Gebiet, Boden für die Berglandwirtschaft abzuringen. Davon sind noch etliche Spuren wie Wege, Natursteinmauern, Kastanienbäume, Häuser und wenige Menschen übriggeblieben. Jedoch im Winter war das Bavonatal wegen Naturgefahren meist unbewohnt. Heute ist es ein wilder Naturpark, wunderbares Wandergebiet und herrliches Kletterparadies.
Anbei einige Bilder davon:

Der berühmte Wasserfall bei Foroglio

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Sonntag, September 26, 2010

Maggia


Die junge Maggia im hochalpinen Naret-Gebiet

Von der Quelle bis zur Mündung ist der Fluss "Maggia" nur 58 Kilometer lang. Er beginnt weit hinten im Cristallinagebiet auf etwa 2'800 Meter über Meer und endet im Maggiadelta auf 193.50 Meter über Meer, das zwischen Locarno und Ascona am Lago Maggiore liegt. Das Gefälle ist im ersten Drittel beträchtlich, bevor in Bignasco die wilde Bavona in Maggia mündet und sie nahezu verdoppelt. Danach fliesst sie durch den flacheren und breiteren Talboden weiter dem Lago Maggiore zu.



Die Maggia im mittleren Abschnitt, in der breiten Talsohle

Das Spezielle des Maggiaflusses ist, dass er so extrem unterschiedlich viel Wasser führt. Die Menge pro Sekunde beträgt zwischen 2 und 4'500 Kubikmeter Wasser! Das letzte Mal hat die Maggia diese Maximalmenge 1978 erreicht, was damals gar zu Todesopfern geführt hat. So ist sie zum zweitgrössten Fluss der Schweiz, nach dem Rhein bei Basel, geworden. Das hat auch damit zu tun, dass das hintere Maggiatal zum niederschlagreichsten Gebiet der Schweiz gehört. Der Kanton Tessin und die Stadt Locarno wurden gezwungen, riesige, mehrstufige, zirka zehn Meter hohe Seitendämme anzulegen, um die Schäden bei den seltenen Hochwassern zu vermeiden.



Kurz vor Ponte Brolla wird das Tal wieder enger, felsiger, steiniger und die Maggia umso spektakulärer

Etwas weiter hinten, nach dem natürlichen Einschnitt bei Ponte Brolla, weitet sich das Maggiatal wieder und die Maggia hat hier wunderschöne, einmalige Auenlandschaften gebildet. Die Minimalmenge erreicht die Maggia häufig in den Winter- und manchmal auch in den Sommermonaten. Dann treten die riesigen Kies- und Sandbänke zutage, die von vielen zum (Sonnen)Baden genutzt werden. Natürlich hat das auch etwas mit der Wasserkraftnutzung zu tun, liegen doch im Einzugsgebiet der Maggia zahlreiche grosse Stauseen, die miteinander verbunden sind, und jedes Gefälle zur Stromgewinnung nutzen.





Vom Monte Gamborogno aus, von der gegenüberliegenden Seite des Lago Maggiore, hat man herrlichen Ausblick auf die Walliser-, Tessiner- und Bündnerberge

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Mittwoch, August 04, 2010

Gott und Natur (Seiten 421-458)


„Höchste Macht in Verbindung mit höchster Güte ist ein Attribut, das Verehrung nahe legt.“
Dieses „Königsmodell“, dass Gott allmächtig, allwissend und herrschend sei, wurde vor allem von Thomas von Aquin portiert, der auf aristotelische und biblische Quellen zurückgegriffen hat. Auch reformatorische wie Johannes Calvin und dialektische Theologen wie Karl Barth vertraten die Herrschaft Gottes über die Natur. Sie steht mit einigen Zügen des biblischen Zeugnisses im Einklang, jedoch nicht mit allen. Nicht oder schwer vereinbar sind nach Barbour:
· Freiheit des Menschen
· Das böse und das Leiden
· Barmherzigkeit, Fürsorge und Mitgefühl Gottes
· Liebe und Hingabe Christi
· Fortdauernde Schöpfung und Evolution
· Zufall in der Natur

"Wenn Gott die Welt nicht weiter erhalten würde, so würde sie ins Nichts zurückfallen." So sieht Barbour Gott als Bestimmer der Unbestimmtheiten. Gott stattet seine Geschöpfe mit den Fähigkeiten aus, Dinge zu verursachen. Gott ist auch Informationsübermittler, nach Polkinghorne ist Gottes Handeln energielose Informationszufuhr. Das hebräische Verständnis von „Wort“ (davar) schliesst auch Schöpfungsmacht ein. Dann beschränkt sich Gott zugunsten der Freiheit und Entwicklung der Menschen. Künstler- und Eltern-Kind-Analogien verdeutlichen dies; zudem verspricht uns Gott nicht, dass wir vor den Uebeln des Lebens geschützt werden. Vielmehr verspricht er, dass er treu ist und uns Durchhaltevermögen und Einsicht geben wird. Wirkliche Liebe geht immer mit Verletzlichkeit einher, authentische Liebe ist prekär und birgt das Risiko der Ablehnung. Sie fordert Anteilnahme und macht verwundbar (nach W.H. Vanstone). „Leben und Sterben Christi enthüllen die umwandelnde Macht der Liebe. Es ist uns freigestellt, sie zu erwidern, denn die Gnade ist nicht zwingend.“
Letztlich ist Gott der Handelnde, aber Handlung durch Absicht ist etwas anderes als Wirkung durch Ursache. Denn Absichten können nie direkt wahrgenommen werden. Gott handelt im Rahmen und durch die Struktur der Natur und den Verlauf der Geschichte. Die Entstehung des Lebens, das Aufkommen der Menschen und die Entwicklung der Kultur treten als Phasen einer Gesamthandlung auf, die auf grössere Bewusstheit, Freiheit und Gemeinschaft zielt. Unsere Wahrnehmung und Empfänglichkeit ist vermutlich unterschiedlicher und eingeschränkter als Gottes Wirken und Eingreifen (nach Maurice Wiles).

Prozessdenken oder Prozessphilosophie führte zum Prozesstheismus, der aber für mich eher zu abstrakt und spekulativ bleibt. Hier wird Gott als schöpferischer Partizipierer gesehen, als Führer einer kosmischen Gemeinschaft, im Extremfall wird der Kosmos als Gottes „Leib“ angeschaut.
Barbour bleibt aber auch hier zurückhaltend und warnt vor verfrühten und auferlegten Synthesen. Unsere Bemühungen sollen vorläufig, erforschend und offen sein. Er ist auch ein Vertreter des kritischen Realismus, worin alle Modelle als partiell und beschränkt angeschaut werden. Keines liefert ein vollständiges oder angemessenes Bild der Realität, wir brauchen also verschiedene Modelle. Am Schluss schreibt er: „Komm, Heilige Geist, erneuere die ganze Schöpfung. Er wird uns helfen, den Sinn für das Heilige in der Natur wieder zu entdecken, das heute ein grosses Umweltengagement motivieren kann."

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Prozessdenken (Seiten 388-420)



Wir leben heute in einer Zeit konkurrierender Paradigmen. Das Mittelalter hatte noch eine feste und hierarchische Ordnung: Gott – Mann – Frau – Tiere – Pflanzen – unbelebte Materie. Die Neuzeit, die nach Barbour mit Newton begonnen hat, brach diese Ordnung auf, sie war deterministisch, atomistisch und reduktionistisch. Die Welt und das Universum wurde wie eine riesige Maschine angeschaut. Im 20. Jahrhundert zerbrach auch diese Sicht, denn es gelten sowohl Gesetzmässigkeit als auch Zufall. Die Komplexität der Welt zwingt uns zu einer ganzheitlichen, ökologischen, relationalen und systemischen Sichtweise. Das Universum als Netzwerk und Gemeinschaft zu sehen, erscheint uns angemessener. Vielstufigkeit hat die duale Weltsicht abgelöst.
In diesem Kapitel zitiert und verarbeitet Barbour oft den britischen Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead, der als Begründer des Prozessdenkens gelten kann, und macht dabei folgende Aussagen: „Jedes Wesen ist Gemeinschaftsprodukt vergangener Ursachen, göttlicher Absichten und der eigenen Aktivität des neuen Wesens... Vergänglichkeit, Unbestimmheit und Ganzheitlichkeit sind Merkmale der subatomaren Welt... Naturwissenschaften sind beschränkt, selektiv und abstrakt; individuelles Erleben in der Natur können sie nicht ausmachen, kein Ziel und keine Kreativität in der Natur finden. Deshalb sind sie ergänzungsbedürftig durch Einbezug von Metaphysik und Erfahrung.“

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Die Natur des Menschen (Seiten 351-387)


Sowohl Aehnlichkeiten als auch Unterscheide des Menschen zu den Tieren sind gross. Es gibt eine ungefähr zwei Millionen Jahre alte Menschheitsgeschichte, die mit dem „Homo habilis“ begonnen hat. Zum Status des menschlichen Geistes schreibt Barbour auf Seite 358: „Wir wissen ungefähr, wie eingehende Information von Sinnesorganen verarbeitet werden und wie ausgesandte Signale die motorische Kraft der Muskeln kontrolliert. Aber wir wissen sehr wenig darüber, was dazwischen abläuft; wie die hereinkommenden Information mit dem Gedächtnis, den Gefühlsreaktionen und dem Verstand abgestimmt wird. Wir wissen, dass die linke Hemisphäre des Gehirns meistens mit analytischem, systematischem, abstraktem und logisch geordneten Denken verbunden wird... die rechte Hemisphäre eine grössere Rolle beim intuitiven, konkreten, kreativen und ganzheitlichen Denken spielt (Mustererkennung, künstlerisches Schaffen und Religion nach Eugene d’Aquili)."

Barbour beschreibt sehr tiefsinnig, wie die Bibel die Natur des Menschen beschreibt, nämlich dass wir keine Einzelpersonen sind, die ein Selbst besitzen, sondern dass uns unsere Beziehungen, unser soziales Selbst, ausmachen. Denn Sprache und symbolisches Denken wären ohne andere Menschen unmöglich. Eine grundsätzliche positive Einschätzung der menschlichen Natur aufgrund des „Imago Dei“ hat das Judentum über Jahrhunderte hinweg gekennzeichnet.
Der Sündenfall sei als historisches Ereignis mit der Evolutionstheorie nicht vereinbar. Trotzdem gelingt es Barbour Sünde treffend zu definieren: Die Sünde setzt sich aus Selbstsucht und Ungehorsam gegenüber Gott zusammen, später kommt soziale Ungerechtigkeit dazu. Wenn wir sündhaft soziale Strukturen erben, werden Ungerechtigkeit und Unterdrückung fortbestehen. In Anlehnung an die amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr und Paul Tillich definiert er Sünde auch als Entfremdung von Gott durch Selbstgenügsamkeit, von unserem wahren Selbst durch Schein und von anderen Menschen durch Ichbezogenheit. Sünde ist Verletzung der Beziehungen und des Eingebundenseins. Dazu gehört auch die Entfremdung von der Natur durch Leugnung ihres Eigenwerts und unserer Abhängigkeit. Diese Gebrochenheit und Gespaltensein kann nur durch Versöhnung, Heilung und Ganzheit überwunden werden. Auferstehung wird den ganzen Menschen betreffen als psychosomatische Einheit, er lehnt einen Leib-Seele-Dualismus vollständig ab. Die Rolle von Jesus Christus sieht er vielfältig:
· Verwirklichung wahrer Menschlichkeit
· Kraft zur Versöhnung geben
· Gesalbter – Messias – Christus (hebräische Sicht)
· Logos – Wort – göttliche Weisheit (griechische Sicht)
· Einzigartige Beziehung zu Gott (heutige Sicht)

Christi Tod hat zwei Seiten: Die objektive Interpretation, die Anselm vorschlug, war Gerechtigkeit Gottes für die Sünden der Menschen herstellen. Die subjektive Interpretation vertrat Abelard, indem er Jesus mehr als Beispiel sah. Barbour definiert Erlösung mit Erfüllung der Beziehungen.
Die Bedrohungen der Zukunft werden Nukleartechnologie, Gentechnik und Informationstechnologie sein. Dagegen empfiehlt Barbour Gerechtigkeit, Erhaltung der Umwelt und Partizipation.

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Mittwoch, Juni 30, 2010

Modelle und Paradigmen


Im Kapitel „Modelle und Paradigmen“ von Seite 151-191 zeigt Barbour auch auf, dass die Naturwissenschaften nicht nur objektiv und zeitlos sind, sondern zugleich auch unvollständig, vorläufig und revisionsbedürftig gesehen werden müssen. Alle Wissenschaften unterliegen immer auch einem Paradigma, das er als Produkt spezifischer wissenschaftlicher Gemeinschaften zu spezifischen Zeitpunkten definiert. Er vertritt eher die Ansicht von Thomas Kuhn, der Naturwissenschaften kontextuell, relativ, historisch und kulturell beeinflusst einstufte. Karl Popper dagegen betonte eher deren Autonomie, Rationalität, eigene Logik und Eigenständigkeit. Barbour folgt hier Kuhn, indem er die Aehnlichkeit von naturwissenschaftlichen und religiösen Paradigmen aufzuzeigen versucht: beide arbeiten mit Begriffen, Theorien und Glaubenssätzen. Diese wiederum beeinflussen die Fragestellungen und Beobachtungen. Das führt zu Vorstellungen, Analogien und Modellen, die erdacht sind und als solche nicht beobachtet werden können. Daraus werden Annahmen getroffen und Forschungsbereiche und -gegenstände definiert, die dann beobachtet werden und mit Daten dokumentiert werden können (deduktiver Weg oder Reduktion).
Im religiösen Bereich ist das Vorgehen ähnlich, aber es sind dann eher Erfahrungen, Erzählungen und Rituale, die in heiligen Schriften festgehalten werden. Göttliche Offenbarung und menschliche Reaktion sind verbunden und bedingen sich; persönliche Beteiligung und Reflexion sollten sich abwechseln. Gott wird durch interpretierte Erfahrung erkannt. Im Christentum sind die zentralen Aussagen Gottes die Weltschöpfung, sein Bund mit Israel und das Leben Christi.
Zusammenfassend nochmals die Parallelen von Naturwissenschaft und Religion:
· Interaktion Daten mit Theorie (Naturwissenschaft) und Erfahrung mit Interpretation (Religion)
· Interpretationsgemeinschaft hat historischen Charakter und Einbettung
· Modelle werden sowohl von Naturwissenschaften als auch von Religionen verwendet
· Paradigmen haben Einfluss auf Naturwissenschaft und Religion

Eine naturwissenschaftliche Theorie wird heute nach folgenden Kriterien bewertet: Datenübereinstimmung, Kohärenz (Uebereinstimmung mit andern Theorien), Reichweite und Fruchtbarkeit für aktuelle und zukünftige Forschung. Modelle sind analog und tragen zur Veränderung und Erweiterung von Theorien bei, weil sie anregend sind.
Für die Paradigmen gilt: alle Daten sind theoriegeladen, alle Theorien sind paradigmengeladen und alle Paradigmen haben Beurteilungskriterien. Geschichtliche Ereignisse dagegen sind interpretationsgeladen.
Paradigmen im Christentum hat Hans Küng nach Epochen geordnet:
· Alexandrinisch (mit griechisch geprägter Theologie und Weltsicht)
· Augustinisch (mit römisch geprägter Theologie und Weltsicht)
· Thomistisch (mittelalterliche, scholastische Theologie und Weltsicht)
· Reformatorisch (mit Beginn der Neuzeit)
· Historisch-kritisch (Moderne mit aufgeklärter Weltsicht, Postmoderne mit Pluralismus und Ganzheitlichkeit ist vielleicht bereits ein neues Paradigma?)

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Donnerstag, Juni 24, 2010

Vier Verbindungen von Naturwissenschaft und Religion

Im Kapitel „Mögliche Verbindungen von Naturwissenschaft und Religion“ ab Seite 113 kommt Barbour nun zu seinen Kernaussagen, nämlich zu seinen vier grundsätzlichen Verhältnissen von Naturwissenschaft und Religion:


Vom Konfliktverhältnis sind heute im Westen am stärksten der wissenschaftliche Materialismus und der Biblizismus betroffen. Die heutigen Konflikte reichen auf Galileis Verurteilung zurück, zu dieser führten aristotelisches Denksystem, enge Bibelauslegung und römische Kirchenmacht.
Materialismus schliesst aber vereinnahmend von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen direkt auf philosophische Fragen. Er anerkennt nur naturwissenschaftliche Methoden für Erkenntnisse, zudem sind nur Materie und Energie grundlegende Realitäten im Kosmos. Das ist „Reduktionismus“, der die nicht durchschaubare Wirklichkeit auf naturwissenschaftlich Erkennbares reduziert. Naturwissenschaftler haben selten Ahnung von Philosophie, Geschichte der Naturwissenschaften, Relevanz der Naturwissenschaften und ethische und religiöse Implikationen.
Biblizismus dagegen schliesst unüberlegt von ihrer Theologie auf wissenschaftliche Fragen. Biblizistische Theologen haben selten wirkliche Ahnung von Naturwissenschaften. Sie überschätzen sich statt sich mit Aeusserungen dazu zurückzuhalten!


Unabhängigkeit wird durch dialektische Theologie, Existenzialismus und Sprachanalyse vertreten. Unabhängigkeit beider Bereiche lässt sich am einfachsten anhand ihrer unterschiedlichen Fragestellungen zeigen: Naturwissenschaften stellen häufig Wie-Fragen und streben nach Erklärungen objektiver, allgemein zugänglicher, wiederholbarer, quantitativen Daten durch Experimente. Sie liefern daher keine umfassende Weltanschauung, Lebensphilosophie und ethische Normen.
Religionen dagegen stellen eher Warum-Fragen und fragen nach dem Ursprung von Ordnung, Schönheit in der Welt und nach den inneren Erfahrungen der Menschen (Schuld, Angst, Sinn, Vertrauen und Ganzheit. Sie brauchen häufig Symbole und Analogien, weil Gott transzendent ist. Sie empfehlen gemeinschaftlichen und individuellen Lebensstil, Einstellungen, moralische Prinzipien, Rituale und Verhaltensweisen.


Dialog wird vorwiegend durch den Theismus vertreten. Zeitgenössische Vertreter des Dialogs sind Wolfhart Pannenberg und Karl Rahner. Letzterer sagte: „Schöpfung und Fleischwerdung sind Bestandteile des Prozesses der Selbstoffenbarung Gottes.“ Dialog braucht es, weil Naturwissenschaften nicht nur objektiv und Religion nicht nur subjektiv ist. Hinter beiden Bereichen stecken Theorien, die auf Vorstellungskraft, Analogien und Modellen beruhen. Thomas Kuhn würde diesem Sachverhalt „Paradigma“ sagen. Gerade naturwissenschaftliche Forscher sind nicht nur unbeteiligte Beobachter, sondern sind auch mit dem Objekt verbunden (gemäss Quantenphysik), Handelnde und tragen persönliche Verantwortung. Sowohl Experimente als auch Erfahrungen müssen interpretiert und bewertet werden!


Was Integration bedeutet, ist am schwierigsten zu beschreiben. Integartion wird durch natürliche Theologie und Prozessphilosophie vertreten. Sie hat in Ansätzen schon bei Thomas von Aquin mit seinen kosmologischen und teleologischen Gottesbeweisen ihren Anfang genommen. Im katholischen Glauben bereitet die natürliche Theologie auf die Offenbarung vor. Der orthodoxe englische Philosoph Swinburne meint, dass die vorhandenen bewussten Wesen sich nicht wissenschaftlich erklären lassen, es brauche etwas von aussen; die Ordnung der Welt erhöhe die theistische Hypothese.
Andere Wissenschaftler machen aufs antrophische Prinzip, die unglaubliche Feinabstimmung des Kosmos und die Gerichtetheit der Entwicklung aufmerksam, so auch Steven Hawking: „Wäre die Expansionsgeschwindigkeit eine Sekunde nach dem Urknall nur um ein 100’000millionstel kleiner gewesen, so wäre das Universum wieder in sich zusammengefallen, bevor es seine gegenwärtige Grösse erreicht hätte.“
Barbour unterscheidet vier zunehmende Stufen der Integration:
· Treuhänderschaft gegenüber der Natur, weil sie Gott gehört
· Lobpreis der Natur, weil Gott sie gut, vielfältig und mächtig gemacht hat (so in Genesis, Hiob, Psalmen und Gleichnissen Jesu)
· Heiligkeit der Natur, weil Gott sie gemacht hat und erlösen wird
· Heiliger Geist in der Natur, weil der Geist Gottes auf den Wassern schwebte und die Psalmen, besonders 104, Gottes Gegenwart in der Natur thematisieren

Barbour macht zu Recht auch darauf aufmerksam, dass man in der Regel nicht gleich mit Dialog und Integration beginnen sollte, sondern dass sowohl Wissenschaftler als auch Theologen zuerst über die eigenen Gebiete samt deren Möglichkeiten und Grenzen reflektieren sollten. Erst danach wird Dialog sinnvoll, und erst später vielleicht Integration möglich.

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Montag, Juni 21, 2010

Barbour: Wissenschaft und Glaube

Im Moment bin ich daran, Grenzen und Verbindungen von Glaube und Wissenschaft besser zu verstehen und etwas auszuloten. Dabei kommt man meiner Meinung nicht an Ian G. Barbour vorbei, der 1998 "Religion and Science" in San Franscisco veröffentlicht hat, das 2003 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen auf Deutsch unter der ISBN-Nummer: 3-525-56970-X erschienen ist.


Noch etwas mehr zum Autor:
Der Amerikaner Ian Graeme Barbour wurde 1923 geboren und hat Theologie und Physik studiert. Er war Professor am Carlton College in Northfield Minnesota für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft. 1999 erhielt er für das Buch „Religion and Science“ den Templetonpreis für Fortschritt in Religion. In Europa scheint er nicht so bekannt zu sein, aber er hat Wegweisendes und Hilfreiches zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube formuliert, damit diese völlig unterschiedlichen Denkweisen und Weltsichten überhaupt miteinander in Dialog treten können.


Nun zum Buch: In seiner deutschen Ausgabe umfasst dieses Werk 508 Seiten, aber es ist übersichtlich in Kapitel und Unterkapitel strukturiert und kann auch nur in diesen Teilen gelesen werden. Meistens gibt Barbour am Anfang bekannt, über was er schreiben wird, und am Schluss fasst er gar wichtige Erkenntnisse zusammen.

Der Physiker Barbour beginnt mit „Physik und Metaphysik im 17. Jahrhundert“, denn hier hat sich ein grundlegender Wechsel der Weltsicht und Forschungsmethoden ereignet. Davor war Naturwissenschaft Teil der Philosophie, an experimenteller Ueberprüfung von Hypothesen war man nicht sonderlich interessiert. Durch die grosse Bedeutung von Aristoteles, dessen Werke im 13. Jahrhundert vom Arabischen ins Lateinische übersetzt wurden, wurde die Natur weitgehend als statisch und fertig angesehen. Die mittelalterliche Scholastik fusste auf Vernunft und Offenbarung, sie kann als Synthese von griechischer Philosophie und biblischem Glauben gesehen werden. Der Gottesbegriff von Thomas von Aquin war geprägt vom unbewegten Beweger (Aristoteles) und vom persönlichen Vater (Bibel). Die wichtige Gotteserfahrung geschah durch natürliche und geoffenbarte Theologie. Der göttliche Plan wurde in Schöpfung, Bund, Christus, Kirche und Vollendung gesehen.
Galileo Galilei (1564-1642) wird von ihm als Vater der modernen Naturwissenschaft bezeichnet, weil er neue Methoden formulierte und anwandte. Masse, Raum und Zeit wurden zentral, während vorher mehr Gott, Seele und Leib das Interesse hervorgerufen hatten. Bei René Descartes (1596-1650) und seinem radikalen Dualismus von Geist und Materie zeigt sich das sehr eindrücklich, er sah alle Körper als Maschinen. Auch Isaac Newton (1642-1727), der epochale Entdeckungen in Mathematik, Mechanik, Gravitation und Optik machte, sah trotz tiefer Gottgläubigkeit die Natur als Mechanismus an. Sie war geschaffene Hierarchie, bewegte Teilchen und Gesetzen unterworfene Maschine. Religion musste in dieser Zeit dementsprechend vernünftig und universal sein (oder sie wurde von David Hume und Pierre Laplace als unnötig abgelehnt):
· Existenz eines höchsten Wesens
· Unsterblichkeit der Seele
· Verpflichtung zu ethisch-moralischem Verhalten
(Diesen Aspekt betonte Immanuel Kant, 1724-1804)

Charles Darwin (1809-82) wird mit seinen Hauptwerken „Ueber den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ (1859) und „Die Abstammung des Menschen“ (1871) erwähnt, wobei Barbour vermerkt, dass sein Gegenspieler Lamarck um 1900 gar noch mehr Bedeutung hatte. Erst mit der weiteren Entwicklung der Populationsgenetik und Molekularbiologie wurde Darwins Theorien eher bestärkt, aber auch über ihn hinaus weiter entwickelt. Abschliessend schreibt Barbour treffend auf Seite 108: „Das 19. Jahrhundert hat uns gelehrt, dass es gefährlich ist, wenn Theologen unüberlegt in naturwissenschaftliche Diskussionen eingreifen oder wenn Wissenschaftler voreilig über theologische Fragen urteilen.“

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Dienstag, Mai 25, 2010

Geheimnis der Liebe

Geschnittenes Reisfeld, das im Maggiadelta von Ascona liegt


In die Natur ist ein Geheimnis der Liebe eingebaut:
Das Klopfen meines Herzens, hunderttausend mal jeden Tag; gratis, es ist nicht zu glauben.
Ich atme jeden Tag zwanzigtausend mal und für die hundert Kubikmeter Luft, die ich dazu brauche, wird mir keine Rechnung ausgestellt.
Für jedes Stück Brot, das ich esse, hat jemand ein Saatkorn in die Erde gelegt.
Ein Wesen, grösser als der Mensch, hat in das kleine Saatkorn die Kraft zu Blüte und Frucht gelegt.
Ich liebe den Schöpfer und das Saatkorn, wie es in der Umarmung der Erde heranwächst zur vollen Aehre, zum Brot für die Menschen.

Frei nach Phil Bosmans

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Freitag, März 05, 2010

Rothenburg ob der Tauber






Deutschland ist für uns Schweizer schon ein sehr grosses und weitgehend unbekanntes Land. Durch unsere deutschen Gäste in der Casa Moscia lerne ich dieses Land und seine Leute besser kennen, verstehen und auch schätzen.
Meine Reise im Februar 2010 ins fränkische Rothenburg ob der Tauber war eine etwa zehnstündige Eisenbahnreise, die ich vor allem mit Lesen und Hinschauen verbracht hatte. Diese Winterreise führte mich durch halb Bayern, durch Städte wie Lindau, Augsburg und Ansbach. In Steinach stieg ich dann auf die moderne mittelfränkische Bahn um und bemerkte gleich die touristische Bedeutung Rothenburgs: Erste japanische Mitreisende waren zu sehen. Die geräumige und bequeme Bahn mit Panoramafenstern führte mich durch lieblich-gewellt-weisse Winterlandschaften. Die Endstation war Rothenburg selber, ein bedeutendes mittelalterliches Städtchen ob dem lauschigen Fluss Tauber.


Heute wohnen etwa 12'000 Bewohner dort, und es hat unglaublich viele Souvenirgeschäfte in der Altstadt. Weihnachtsdekor gibt es hier das ganze Jahr, so auch im Februar. Und alles ist auch in japanischer Schrift angeschrieben. In dieser Hinsicht kam ich mir vor wie in Interlaken oder Luzern... Von der Stadtanlage her war es eher wie Murten, wo man auch auf der Altstadtmauer entlang gehen kann.

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Sonntag, November 08, 2009

Auf der via Spluga durch die Viamala

Der Traversina-Steg ist eine elegante Treppenhängebrücke aus Metall und Holz, die ein tiefes, unbegehbares Tobel überspannt


Ein Seitenarm der Viamala wird durch den Traversina-Steg abgekürzt


Am engsten Punkt der Viamala wird es dunkel, kühl und feucht


Eine elegante Brücke der Nationalstrasse A13 überquert die Schlucht


Fussweg und Strasse führen oft in Flussnähe (Hinterrhein) durch


Und plötzlich wird es eng, steil und tief: Nun bin ich tief in der Viamala


Der schlichte Kirchenraum von Zilis mit den romanischen Deckenbildern


Die reformierte Kirche in Zilis, dem ursprünglichen Hauptort des Schams


Die Schamser-Landschaft zwischen Andeer und Zilis im milden Herbstlicht


Diesen Herbst habe ich mir vorgenommen, auf der via Spluga durch die Viamala zu wandern. Gestartet bin ich in Andeer, von dort ging es über Land nach Zilis, wo die beeindruckende Kirche mit den romanischen Deckenbildern steht. Bald darauf beginnt die Viamala. Viamala heisst sie, weil es das "böse" Wegstück war auf der historisch wichtigen via Spluga von Chur nach Chiavenna. Heute ist es ein imposante Schlucht, ein Naturwunder, das in nur wenigen Minuten auf der Nationalstrasse A13 durchquert und hinter sich gelassen wird.

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Freitag, Oktober 16, 2009

Auf der via Stockalper zwischen Gabi und Gondo




Am Schluss noch eine Stärkung im wiedererstellten Stockalperturm


Unterwegs im steilen Tal von Zwischenbergen nach Gondo


Das Zwischenbergental ist auch heute von Bergstürzen geprägt


Der Stausee bei Zwischenbergen hat diese intensive türkisblaue Farbe (Kamera: Canon Digital IXUS 60, ohne Filter!)


Auf der Furgge eröffnet sich eine herrliche Weitsicht nach Süden


Im Oktober kann es ganz eisig kalt und schön sein auf der Furgge


Und der Blick zurück entschädigt für die Mühe des steilen Aufstiegs


Bei Gabi den Berg hoch an einem Maiensäss vorbei in Richtung Furgge


Bei Gabi komme ich zur Schlucht heraus und die Sonne empfängt mich


Die Gondoschlucht ist eine imposante und tief eingeschnittene Schlucht


Das Wasser hat sich durch die Gondoschlucht gefressen und abgeschliffene, glatte Felsen hinterlassen




Die via Stockalper ist ein historischer Weg von Brig nach Domodossola, der vor allem von Kaspar Jodok von Stockalper im 17. Jahrhundert erneut angelegt wurde. Noch heute ist er gut begehbar und führt durch fantastische Landschaften und schroffe Bergwelten. Letztes und dieses Jahr im Oktober habe ich Teile davon durchwandert und war begeistert von den abgeschiedenen Tälern, der urwüchsigen,wilden und kräftigen Landschaft und der wuchtigen Bergwelt. Einige Bilder davon möchte ich zeigen.

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