Mittwoch, August 04, 2010

Gott und Natur (Seiten 421-458)


„Höchste Macht in Verbindung mit höchster Güte ist ein Attribut, das Verehrung nahe legt.“
Dieses „Königsmodell“, dass Gott allmächtig, allwissend und herrschend sei, wurde vor allem von Thomas von Aquin portiert, der auf aristotelische und biblische Quellen zurückgegriffen hat. Auch reformatorische wie Johannes Calvin und dialektische Theologen wie Karl Barth vertraten die Herrschaft Gottes über die Natur. Sie steht mit einigen Zügen des biblischen Zeugnisses im Einklang, jedoch nicht mit allen. Nicht oder schwer vereinbar sind nach Barbour:
· Freiheit des Menschen
· Das böse und das Leiden
· Barmherzigkeit, Fürsorge und Mitgefühl Gottes
· Liebe und Hingabe Christi
· Fortdauernde Schöpfung und Evolution
· Zufall in der Natur

"Wenn Gott die Welt nicht weiter erhalten würde, so würde sie ins Nichts zurückfallen." So sieht Barbour Gott als Bestimmer der Unbestimmtheiten. Gott stattet seine Geschöpfe mit den Fähigkeiten aus, Dinge zu verursachen. Gott ist auch Informationsübermittler, nach Polkinghorne ist Gottes Handeln energielose Informationszufuhr. Das hebräische Verständnis von „Wort“ (davar) schliesst auch Schöpfungsmacht ein. Dann beschränkt sich Gott zugunsten der Freiheit und Entwicklung der Menschen. Künstler- und Eltern-Kind-Analogien verdeutlichen dies; zudem verspricht uns Gott nicht, dass wir vor den Uebeln des Lebens geschützt werden. Vielmehr verspricht er, dass er treu ist und uns Durchhaltevermögen und Einsicht geben wird. Wirkliche Liebe geht immer mit Verletzlichkeit einher, authentische Liebe ist prekär und birgt das Risiko der Ablehnung. Sie fordert Anteilnahme und macht verwundbar (nach W.H. Vanstone). „Leben und Sterben Christi enthüllen die umwandelnde Macht der Liebe. Es ist uns freigestellt, sie zu erwidern, denn die Gnade ist nicht zwingend.“
Letztlich ist Gott der Handelnde, aber Handlung durch Absicht ist etwas anderes als Wirkung durch Ursache. Denn Absichten können nie direkt wahrgenommen werden. Gott handelt im Rahmen und durch die Struktur der Natur und den Verlauf der Geschichte. Die Entstehung des Lebens, das Aufkommen der Menschen und die Entwicklung der Kultur treten als Phasen einer Gesamthandlung auf, die auf grössere Bewusstheit, Freiheit und Gemeinschaft zielt. Unsere Wahrnehmung und Empfänglichkeit ist vermutlich unterschiedlicher und eingeschränkter als Gottes Wirken und Eingreifen (nach Maurice Wiles).

Prozessdenken oder Prozessphilosophie führte zum Prozesstheismus, der aber für mich eher zu abstrakt und spekulativ bleibt. Hier wird Gott als schöpferischer Partizipierer gesehen, als Führer einer kosmischen Gemeinschaft, im Extremfall wird der Kosmos als Gottes „Leib“ angeschaut.
Barbour bleibt aber auch hier zurückhaltend und warnt vor verfrühten und auferlegten Synthesen. Unsere Bemühungen sollen vorläufig, erforschend und offen sein. Er ist auch ein Vertreter des kritischen Realismus, worin alle Modelle als partiell und beschränkt angeschaut werden. Keines liefert ein vollständiges oder angemessenes Bild der Realität, wir brauchen also verschiedene Modelle. Am Schluss schreibt er: „Komm, Heilige Geist, erneuere die ganze Schöpfung. Er wird uns helfen, den Sinn für das Heilige in der Natur wieder zu entdecken, das heute ein grosses Umweltengagement motivieren kann."

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