Sonntag, Oktober 30, 2016

Christliche Politik in der Neuen Welt

In Kapitel zwei benennen Hauerwas und Willimon Unterschiede zwischen konservativen und liberalen Kirchen, aber halten beiden vor, dass sie eine Ethik der Anpassung praktizieren würden. Das zeige sich besonders im Demokratie- und Freiheitsverständnis. Freiheit sei heute zur Tyrannei eigener Bedürfnisse geworden, die Kirche drehe sich wie eine moderne Firma um Kundenbedürfnisse, statt Menschen in den Leib Christi einzufügen. Der Nationalstaat in den USA (und der Wohlfahrtsstaat in Europa) haben sich praktisch an die Stelle Gottes gesetzt. Die meisten unserer sozialen Programme beruhen auf der Annahme, dass wir keinen Gott brauchen, um eine friedliche und gerechte Welt zu erschaffen. Eine Kultur des Unglaubens setze sich durch, in der Glaube nur noch eine private Angelegenheit sei. Die politische Aufgabe der Christen sei Kirche zu sein und nicht die Welt zu verändern. Der amerikanische Theologe H. Richard Niebuhr schrieb ein Buch „Christus und Kultur“, worin er das Modell, dass Christus die Kultur verändere, favorisierte. Der mennonitische Theologe John Howard Yoder (und mit ihm die Autoren) haben dagegen eine andere Sicht: Es gebe Kirchen des Aktivismus, Kirchen der Bekehrung und Kirchen des Bekenntnisses; sie befürworteten letztere, damit Christus wirklich der Herr sei. (Ähnlich hat auch J. L. Garrett in “The Concept of the Believer’s Church“ von Individualismus, Strukturalismus und von einem Organismus geschrieben, wo Christus Herr ist.)

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Freitag, Juni 10, 2016

Larry Siedentop: Geburtswehen der modernen Freiheit

21. Volksbegehren und Ordensbrüder. Mönche hatten oft Ansehen bei den einfachen Leuten, da diese meist von unmoralischen Priestern betreut wurden. Franziskus belebte und förderte zu seiner Zeit und unter den Mönchen Armut, Demut und Nächstenliebe. 22. Verteidigung der egalitären Moralvorstellungen. Im 12. Jahrhundert wurde Aristoteles und seine Physik, Metaphysik und Ethik durch Bonaventura, Albert Magnus und Thomas von Aquin wiederentdeckt. Während sich die Dominikaner für Vernunft und Lehre einsetzten, hatten die Franziskaner Bedenken gegen Aristoteles. Augustinus hatte durch Paulus die heidnischen Grenzen seiner Bildung überwunden. Thomas von Aquin dagegen entdeckte als Christ Aristoteles und erweiterte seine Theologie mit Spekulationen wie, dass ewige Ideen im Geist Gottes seien. Der schottische Theologe und Philosoph Duns Scotus (1266-1308) stellte nüchtern fest, dass Freiheit die Voraussetzung für moralisches Verhalten sei. Im 13. Jahrhundert etablierten sich neue Fakultäten und Universitäten: Recht in Bologna, Theologie in Paris, Philosophie in Oxford und Medizin in Montpellier. 23. Gottes Freiheit und des Menschen Freiheit vereint: Ockham. Der Franziskaner Wilhelm von Ockham (1288-1347) lehrte einen Nominalismus, die „via moderna“, dass Gott als Schöpfer frei gewesen sei in seinen Entscheidungen. Er sei nicht gebunden gewesen an „ewige Ideen“ und rationale Notwendigkeiten. Der Mensch handle aus dem Ich, der Seele. Ockhams Rasiermesser, dass die sparsamste Erklärung die beste sei, richtete sich gegen die natürliche Theologie und rationalistische Philosophie. Der Nominalismus war die Basis für die empirische Wissenschaft und den liberalen Säkularismus. Die Fähigkeit zu rationalem Handeln ist Freiheit, wie sie bereits Paulus verkündet hatte. 1315 wurde die Leibeigenschaft in Frankreich abgeschafft. 24. Kampf um eine repräsentative Regierung in der Kirche. 1378-1417 kam es in der römisch-katholischen Kirche zu einem Schisma mit zwei Päpsten. Die Konziliarbewegung wollte den Konzilien mehr Befugnisse zumessen als dem Papst. Das liberale Denken entwickelte sich, als sich moralische christliche Vorstellungen gegen die autoritäre Kirche zu richten begann. 25. Abschied von der Renaissance. Liberalismus war eine Folge von Konfessionskriegen, bei denen versucht wurde, den richtigen Glauben gewaltsam durchzusetzen. Trennung zwischen Kirche und Staat bewirkte, dass Religion zunehmend zur Privatsache in der Privatsphäre wurde. Hugo Grotius (1583-1645), Thomas Hobbes (1588-1679), John Locke (1632-1704)und Charles de Secondat Baron de Montesquieu (1689-1755)waren die Hauptexponenten dieser Entwicklung. Die Renaissance wurde überbewertet, denn sie hat nicht die Neuzeit eingeläutet. Der Basler Historiker Jakob Burckhardt (1818-1897) hat begonnen, diese falsche Sicht zu portieren. Der Liberalismus beruht auf moralischen Voraussetzungen, die er vom Christentum übernommen hat. Er bewahrt die christliche Ontologie ohne die Metaphysik der Erlösung. Es fand ein Prozess von moralischen Forderungen zu sozialem Status statt. Bereits im 14. und im 15. Jahrhundert hatten die Kanonisten und Philosophen Voraussetzungen geschaffen, um eine Trennung geistlicher und weltlicher Sphäre vorzunehmen. Sie legten eine Basis für eine rechtlich abgesicherte Privatsphäre, in der sich Freiheit und Gewissen verbreiten und entfalten konnte. Diese Hinwendung zur Innerlichkeit haben Meister Eckhart, John Wycliffe und Jan Hus schon früh vorgelebt. Eine persönliche Beziehung zu Gott war ihre Grunderfahrung und Quelle der Moral und menschlicher Beziehungen. Sie kannten die Disziplin der Bibellektüre und verbreiteten sie und förderten dadurch die allgemeine Bildung. In Paris, Oxford, Heidelberg, Prag und Krakau setzte sich der Nominalismus durch. Monarchien in Frankreich, England und Spanien entstanden im 15. Jahrhundert. Epilog: Christentum und Säkularismus. Bei der Idee der Gleichheit spielte das Christentum eine entscheidende Rolle. Liberalismus und Säkularismus haben religiöse Wurzeln. Das Christentum hat menschliche Identität verändert, indem es den jüdischen Monotheismus mit seinem abstrakten Universalismus mit der spätgriechischen Philosophie verband. Das Christentum hat sich nicht durch Gewalt ausgebreitet, sondern durch Überzeugung. In Nordamerika, wo es keine dominierende Kirche gab, breitete sich eine christlicher Säkularismus aus, der bürgerliche Freiheit und Nächstenliebe ermöglichte. Er ist durch verschiedene Fundamentalisten und Radikale in Gefahr.

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Mittwoch, April 13, 2016

Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums

Der amerikanische Politwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop hat 2014 ein Buch geschrieben, das auch im deutschen Sprachraum in vielen Medien Beachtung gefunden hat. Es heisst im Original: Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism. Allen Lane 2014, ISBN 0-713-99644. 2015 ist es auch in Deutsch herausgekommen unter dem Titel: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Es ist im Verlag Klett-Cotta in Stuttgart unter der ISBN 978-3-608-94886-8 erschienen. Der 80jährige Siedentop lehrte Ideengeschichte an der englischen Universität von Sussex und politische Philosophie am Keble College in Oxford. Eine Summe seiner Erkenntnisse legt er in seinem neusten, 476-seitigen Werk vor. Er beschreibt und begründet, wie der westliche Liberalismus und Säkularismus aus christlichen Glaubensinhalten wie Gleichheit und Freiheit entstanden ist. Zu Beginn skizziert Siedentop die antike Familie mit dem „pater familias“ im Zentrum. Seine wichtigste Aufgabe war das Hüten des heiligen Feuers am Herd des Hauses. Diese Aufgabe übertrug er bei seinem Ableben dem ältesten Sohn. Der Vater hatte einen gottähnlichen Status, und die ganze Familie war ihm uneingeschränkt zugeneigt und ergeben. Raum für individuelle Entscheidungen war nicht vorgesehen, das galt später auch für die „res publica“, das antike Gemeinwesen, dem nur die Männer ganz zu dienen und etwas zu sagen hatten. Siedentop folgt dem Werk „Der antike Staat“ des französischen Historikers Fustel de Coulanges von 1864, das er noch heute für unübertroffen hält. Bereits der jüdische Glaube an einen Gott war im „Imperium Romanum“ interessant geworden, um aus der antiken Welt der Ungleichheit auszusteigen. Vor allem durch überzeugende Nächstenliebe hatte sich dann der christliche Glaube im spätrömischen Reich ausgebreitet. Kirchen und Klöster förderten nebst Bildung auch Gleichheit und Individualität der Personen und brachen die antiken Familien- und Gesellschaftsstrukturen mit ihrer religiös motivierten Ungleichheit auf. Bereits im Mittelalter wurden Werte wie Gleichheit und Freiheit zunehmend akzeptiert und schufen die Basis für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit steigender Chancengleichheit. Siedentop kommt aber zum Schluss, dass heute diese Errungenschaften durch fundamentalistische Haltungen und autoritäre Regimes in Frage gestellt oder sogar zerstört würden.

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Montag, Februar 10, 2014

Umarmung (Seiten 124-217)

Miroslav Volf zieht eine Theologie der Umarmung der Theologie der Befreiung vor; denn die Kategorien der Unterdrückung und Befreiung seien gut zum Kämpfen, nicht aber zum Verhandeln und Feiern (Seiten 129-133). Denn Sieger verwechseln (oft) Vergeltung mit Gerechtigkeit. Sogar für den Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez habe Liebe und nicht Freiheit die letzte Gültigkeit. "Und wie können wir in Frieden leben, solange die endgültige Versöhnung noch ausstehe? Jesus verbinde Hoffnung für die Unterdrückten mit der Forderung eines radikalen Wandels, die er Busse nenne. Dagegen diene die Religion der sündigen Seele missbräuchlich dazu, von der Oekonomie des schmutzigen Deals und von der Politik der unbarmherzigen Macht abzulenken." (Seite 146) Das Problem der Rache sieht Volf darin, dass sie versklavt. Jesus hatte Lamechs Logik ganz auf den Kopf gestellt, und er forderte seine Nachfolger auf, sooft zu vergeben wie Lamech sich rächen wollte. Und wir Menschen können uns nichts ausdenken, was das ursprüngliche Verbrechen bereinigen könnte (Seiten 154-157). Die Passion Christi war die Qual einer gemarterten Seele und eines geschundenen Leibes, der als ein Gebet für die Folterer dahingegeben wurde. Nach Bonhoeffer ist Vergebung eine Form des Leidens (Seite 161). Das Kreuz verwandelte die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Täter. Empfänger der Gnade Gottes können wir nur dann sein, wenn wir uns auch nicht dagegen sträuben, ihre Agenten zu werden. So öffnen wir unsere Arme selbst für die Feinde; machen ihnen in uns Raum, weil der gekreuzigte Gott uns in seine ausgebreiteten Arme geschlossen hat. Denn Handeln ist die einzige angemessene Reaktion auf Leiden und lässt die Erinnerungen in den Hintergrund rücken. Und das Kreuz Christi ist ein paradoxes Denkmal des Vergessens, denn am Ende wird das Lamm auf dem Thron Gottes sitzen (Seite 168-181). Volf schreibt vom Drama der Umarmung, das er in vier Schritten einteilt: 1. Oeffnen der Arme: Raum schaffen für andern, Einladung zum Eintreten 2. Warten: auf eine Antwort, eine Reaktion 3. In Arme schliessen: es braucht zwei Arme für eine Umarmung 4. Arme wieder öffnen: erneut Raum schaffen und Differenz zulassen Die Kennzeichen der Umarmung sieht er in: 1. Fluidität der Identitäten: es gibt überlappende soziale Territorien 2. Nichtsymmetrie der Beziehungen und Anerkennung des andern („Selbstbestimmung ist eine westliche, imperialistische Zumutung, denn eigentlich sind wir alle nur Sklaven“ Daniel Boyarin) 3. Unterdeterminiertheit des Ergebnisses, das immer auch ein Risiko ist („Umarmung ist Gnade und Gnade ist Roulettspiel, immer“ Lewis B. Smedes) Volf erinnert uns auch daran, dass es wesentliche Unterscheide zwischen Verträgen und Bund gibt. Wir sind uns heute vielmehr an Verträge gewohnt, die leistungsorientiert, beschränkt verpflichtend, gegenseitig („reziprok“, spiegelnd) und zugleich instabil sind. Dagegen ist ein Bund unveräusserlich, fortwährend und hat einen hervorgehobenen Status. Er gilt auch noch, wenn er gebrochen wird. Die Identität jedes Bundespartners wird durch die Beziehung zum andern geformt. „Am Kreuz erneuert Gott den Bund, indem er der Menschheit Raum schafft in Gottes Selbst. Die offenen Arme Christi am Kreuz sind ein Zeichen, dass Gott nicht Gott sein möchte ohne die Menschheit. Und dass er die Gewalt der Menschen erleidet, um sie zu umarmen“ (Seite 200). Gott erneuert den Bund mit den Menschen durch Selbsthingabe auf ewig. Er kann seinen Bundespartner nicht aufgegeben, weil seine Verpflichtung unwiderruflich und unauflöslich ist. Der neue Bund ist Gottes Umarmung der Menschheit! Diese Theologie der Umarmung wurde angeregt von der Geschichte vom verlorenen Sohn. Hier schenkt sich der Vater dem entfremdeten Sohn und nimmt ihn wieder in sein Haus auf. Ein antiker Haushalt lebte vom Beschützen und Vermehren, von seinen Beziehungen und seiner Gemeinschaftsidentität. Beziehung beruhte nie auf moralischer Leistung, deshalb konnte der Vater seinen schmutzigen Sohn annehmen und umarmen. Durch das Schuldeingeständnis des Sohnes wurde die Beziehung geheilt. Der Vater rekonstruierte die Identität seines Sohnes, ohne ihn darum zu fragen. Der jüngere Bruder wählte zuerst den äusseren Ausschluss, der ältere jedoch den inneren. Dadurch wurde der jüngere für den älteren zum „Nicht-Bruder“, der Vater zum „Nicht-Vater“, ähnlich wie Abel bei Kain! Aber realistisch gesehen waren beide Söhne schlecht und gut, beide wurden vom Vater geliebt. Er passte seine Identität seinen Söhnen an, um sie beide zu gewinnen. Er wollte weiter ihr Vater sein, damit sie einander auch Bruder sein können. Der Vater brach die Regeln, das kausale Prinzip von „Saat und Ernte“, von „wenn-dann“. Noch heute können starre Regeln und zu stabile Identitäten zum Wahn werden und Selbstgerechtigkeit, Uebertreibung, Repression und Dämonisierung bewirken. Denn Beziehungen und Familienverhältnisse kommen vor allen Regeln, Umarmung anstelle Exklusion (Seite 217).

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Sonntag, April 03, 2011

Ich bin Jahwe dein Gott

"Ich bin JaHWeH, dein Gott, der dich aus dem Land Aegypten herausgeführt hat, aus dem Haus der Knechtschaft. Nicht soll bei dir ein anderer Elohim sein vor meinem Angesicht!"

So stehen diese zentralen Aussagen in der Hebräischen Bibel in Exodus 20,2 und Deuteronomium 5,6. Für mich sind das starke Worte mit grosser Wirkung. Es ist die Aussage des Alten Testaments, in der Gottes Sein und seine Befreiung Israels als grundlegende Tatsachen dargelegt aber nicht erklärt werden. Nicht Gott als Schöpfer ist die wichtigste Eigenschaft, sondern Jahwe als Befreier (aus Ohnmacht und Unterdrückung). Gottes Geschichte mit dem Volk Israel ist wörtlich und bildlich zu verstehen: Wörtlich als historisches Ereignis und bildlich als Vorbild für Gottes Wirken an uns Menschen gestern, heute und auch in Zukunft. Gott ist ein Gott, der befreit und herausführt aus dämonischer, systemischer und menschlicher Macht, und seien diese Mächte noch so gross und subtil. Gott ist ein Gott, der aufs Ganze geht und volles Vertrauen will und deshalb keine andern Idole akzeptieren kann. Nur diese ausschliessliche Bindung an den Gott Israels führt letztlich in eine echte Freiheit.

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