Sonntag, April 08, 2007

Helen Palmer

Bartels Exkurs zu Helen Palmer, die eine der wichtigsten Exponentinnen des heutigen Enneagramms ist, macht daher viel Sinn. Sie wurde 1940 in New York geboren und wuchs als Pflegekind in einer christlichen Familie auf. Sie studierte Psychologie bis 1960 und hatte ab 1969 einen Lehrauftrag in San Francisco. Sie hatte schon früh „eine intuitive Begabung, sich traumartig in andere Menschen zu versetzen.“ 1973 lernte sie durch Claudio Naranjo an einem Esalen-Seminar das Enneagramm kennen. Ihre besonderen „panels“ sind die Podium-interviews mit den entsprechenden Charakteren. Diese vermitteln die unterschiedlichen Aufmerksamkeitsstile, die Blickverengungen, das Ausblenden von Informationen und haben daher eine hohes Mass an Anschaulichkeit. Als Verfechterin der mündlichen Tradition hat sie erst 1988 ein Buch geschrieben: „The Enneagram. Understanding Yourself an the Others in Your Life”. Sie spricht darin von defizitärer Ur-Erfahrung des Menschen, was zu Verteidungsstrategie, Leidenschaft und Dilemma führe. Der Transformationsprozess geschehe durch Wahrnehmung der Defizite und bewege sich dann in Richtung Tugend. Die Lebensdeutung ist alltagnah. Es geht um wahrnehmungspsychologische Vertiefung und Gewohnheit (Aufmerksamkeitsstil). Palmer bearbeitet die Schnittstelle Psychologie/Theologie. Ihre Beschreibungen der neun Persönlichkeitsmustern darin sind stimmig, recht präzise umrissen und daher gekürzt wiedergegeben:

1: der Perfektionist
· „Innerer Kritiker“ (Richter, Ueberwacher) wird begünstigt durch strenge Erziehung, hohe Erwartungen und korrektes Verhalten eines braven Kindes
· Perfekt sein durch Unterdrückung negativer Impulse
· Scheitern der Perfektion führt zu Groll, Zorn und Wutanfällen
· Aufgabe (zur Integration und Reifung) heisst Entspannung: Negatives nicht stauen, sondern zulassen, heitere Gelassenheit erleben, geborgen sein in/trotz Mangel

2: der Geber
· Unterdrückt eigene Bedürfnisse und Gefühle, erspürt und erfüllt andere, um unentbehrlich zu sein und Gunst zu sichern, besonders bei den Eltern
· Manipulative, bedingte Hilfsbereitschaft: will dafür Anerkennung, Dank und Kontrolle
· Aufgabe: echte Demut statt verdeckten Stolz suchen und ausleben

3: der Leistungsmensch
· Imponiert anderen Menschen durch Leistung, Effizienz und Erfolg: Ueberaktivität und Rollenspiel
· Will im jeweiligen Umfeld gut ankommen und wird zum „Chamäleon“
· Gefühle werden verleugnet und gespielt, funktioniert eher wie eine Maschine
· Illusionäres Image, Eitelkeit und Selbsttäuschung
· Aufgabe: Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit anstelle von Lüge suchen und ausleben

4: der (tragische) Romantiker
· Frühe Erfahrung von Verlust und Schmerz; sich ausgeschlossen fühlen vom Lebensglück führt zu Neid
· Melancholisches Selbstmitleid bestehend aus Sehnsucht und Traum verstärkt „Atmosphäre bittersüssen Bedauerns“
· Idealisierung des Fernen und Abwertung/Enttäuschung Nahes, der Vergangenheit hinterher trauern und irreale Zukunftsträume haben
· Aufgabe: in Gegenwart leben, in Ausgeglichenheit und Gleichmut kommen

5: der Beobachter
· Erfahrung von Aufdringlichkeit und Eindringen in Privatsphäre
· Unterdrückung Instinkte und Gefühle, da sie Chaos und Gefahr bedeuten
· Rückzug, Kontaktreduktion und Distanz, um Privatraum zu schützen
· Intellekt und Innenraum als Kompensation, kann zu geistiger Habgier führen
· Selbstgewählte Isolation wird zum Zwang (Zwanghaftigkeit) und Gefängnis
· Aufgabe: Bedürfnisse wahrnehmen, kennen, leben und loslassen (Nichtanhaften)

6: der loyale Skeptiker
· Angst als fixe Idee (und umfassendes Muster), auch in Familie, führt zu (unaufhörlicher) Stimmungswahrnehmung und zwanghaftem Misstrauen
· Verhältnis zu Autoritäten ist daher ambivalent
· Aufgabe: Vertrauen und Mut lernen und ausleben

7: der Epikureer
· Möglichkeiten finden zum vollkommenen Genuss zwecks Ablenkung von tiefem Schmerz; aufregende Erfahrungen als Flucht: Leben wird arrangiert und geplant
· Unersättlichkeit und Völlerei im Sinnlichen, Geistigen (und Geistlichen!)
· Aufgabe: Nüchternheit im Alltag und Schmerz nicht ausweichen und aushalten

8: der Boss
· Erleben von Ungerechtigkeit und Machtkampf
· Auf direktem Weg zum Ziel kommen durch begehren, leugnen, ignorieren, überrumpeln und verletzen
· Schützt Opfer und Schwache, vollstreckt Gerechtigkeit, behauptet sich selbst, ist Energiebündel
· Sucht durch Konflikt Intimität zu erreichen
· Aufgabe: Unschuld durch Offenheit und Nichtvorgefasstheit lernen

9: der Vermittler
· Versucht schwierige Bedürfnisse zu vergessen oder wenig zu beachten
· Beharrlich in Nebensächlichem, um Wichtigem nicht nachgehen zu müssen
· Trägheit bedeutet tiefsitzende Gleichgültigkeit, sich nicht festlegen und natürlich Ambivalenz: vermitteln, Frieden stiften, verschmelzen und Harmonie verströmen
· Aufgabe: eigene Bedürfnisse priorisieren und tatkräftig handeln lernen

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1 Comments:

Blogger kopp-wichmann said...

Ja, der innere Kritiker sieht sich eben als Experte in jedem Gebiet und mischt sich überall ein.
Wie man mit diesem inneren Anteil umgehen kann, wie er entstanden ist usw. habe ich in einem längeren Artikel beschrieben: http://vorsicht-persoenlichkeitsentwicklung.de/?p=15

Sonntag, 27. April 2008 um 02:39:00 GMT-7  

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