Samstag, August 15, 2009

Josef, eine Geschichte über Macht, Ohnmacht und Vollmacht


Josefs Geschichte in Genesis 37-50 ist ein grosses Beispiel, ein Prototyp ungeschminkter menschlicher Machenschaften. Es geht um Bedeutung und Ehre, die die Menschen suchen, aber noch mehr um Eifersucht, Neid, Demütigung, Unterdrückung, Machtmissbrauch, die Scham, Schande und Ohnmacht bewirken. Erst gegen Ende der Geschichte gibt es auch gute Machtausübung, Vollmacht, die Gott schenkt.
Auffallend finde ich generell, dass in der Bibel die Menschen so beschrieben werden, nämlich schön, gütig, gewalttätig und brutal, so wie sie eben sind und nicht so wie sie sein sollten! Es wird ein realistisches und nicht ein idealistisches Bild gezeichnet. So können wir uns heute in diesen Geschichten wiederfinden und daraus lernen.
Bis Josef in Aegypten landet, gibt es keine Erwähnung Gottes, es scheint sich um eine rein menschliche, familiäre Tragödie zu handeln, die geprägt ist von Missgunst, Intrigen und Gewalt ohne Gott! Kennen wir das, kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor, gerade auch heute?
Doch mir scheint, dass Gott wie eine unsichtbare Person da ist und dieses schwere Schicksal machtvoll lenkt. Man kann es vergleichen mit einem Film, bei dem der Regisseur eigentlich nie auftaucht. Josef selbst sagt am Schluss, dass Elohim Böses zum Guten gewendet/umgeplant hat (Gen 50,20).
Die Geschichte Josefs begann eigentlich ganz normal. Von Jakob, seinem Vater, war die Rede. Josefs junges Alter, siebzehn Jahre, und seine Arbeit, Kleinviehhirte, werden angegeben. Doch seine Stellung beim Vater und also in der Familie war eine Besondere: Er war der Liebling seines Vaters, denn er war der erste Sohn seiner Lieblingsfrau Rachel. Vielleicht sollte er gar der Erstgeborene und Haupterbe werden und an die Stelle Rubens treten, weil dieser moralisch versagt hatte, indem er mit einer Sklavenfrau seines Vater geschlafen hatte. Der Leibrock, das Aermelkleid, deuten jedenfalls daraufhin, denn es war zur damaligen Zeit etwas Aussergewöhnliches, das nur direkten Söhnen zustand. Alle übrigen trugen sackartige, grobe Gewänder. Kleider und Schuhe haben in der Bibel häufig auch eine zeichenhafte Bedeutung.
Die Bevorzugung Josefs bewirkte bei seinen Brüdern und Halbbrüdern Hass und Schweigen. Seine Träume können verschieden gesehen werden: als Profetie Gottes und oder als Einbildung und Ueberschätzung; der Text selber spricht nur über die Wirkung: Der Hass der Brüder wurde stärker, der Vater wies ihn zurecht, aber bewahrte die Träume. Hatte er eine Ahnung, dass es eine Profetie war?
In Josefs Geschichte gab es einen Abstieg, eine Abwärtsspirale: Auf Hass folgte Schweigen, dann stärkerer Hass, dann Eifersucht, dann Mordabsicht, dann Wurf in die Tiefe (Zisterne) und schlussendlich Verkauf: Josef musste verschwinden, aus dem Weg geräumt werden! Die Brüder nahmen ihm die Kleider weg, das war etwas vom schlimmsten, was man einem Menschen antun konnte, denn dadurch wurde er ganz entehrt und beschämt! Josef kam nur knapp mit dem Leben davon und landete in der Sklaverei Aegyptens. Stellen wir uns vor, er musste ein tiefes Ausgeliefertsein, eine Ohnmacht erlebt haben wie keiner von uns: Weg von Zuhause, abgeschnitten von Familie, Ansehen, Bedeutung und Ehre! Keine Rechte würden wir sagen heute. Was hat ihn am Leben erhalten, was gab ihm Kraft, was bewahrte ihn vor innerer Gebrochenheit und Lebensaufgabe? Wenn man vom Schluss her denkt, ist es sicher Gott, der über allem steht, der die Macht hat und alles seinem Ziel entgegenführt. Er verleiht allem Geschehen Sinn. Josef konnte dies erhoffen, aber erst nach seiner Einsetzung als Wesir erkennen, dass seine schlimme Vergangenheit Sinn machte.
In Aegypten hatte er zuerst „Glück“, weil seine Fähigkeiten belohnt wurden, und es ging wieder aufwärts. Dann aber brach erneut das Unglück über ihn herein: Die Frau Potifars begehrte ihn, wollte ihn verführen und für ihre Zwecke missbrauchen und von ihr abhängig machen. Er lehnte in Bezug auf Elohim ab. Diese Kränkung münzte sie in eine Verleumdung um: So konnte sie sich elegant aus der Affäre ziehen und Josef war „erledigt“ und landete im Gefängnis, also erneut ganz unten.
Dort ganz unten tauchte erstmals Jahwe, der Herr, auf (39,2 und 21): Er war mit Josef und neigte ihm Huld zu. Das ist Gnade, ein unverbrüchlicher Bund, ein unsichtbares Band, das nie zerreissen kann. Die Folge war Ansehen und Gunst beim Potifar und später beim Gefängnisaufseher.
Am Schluss von Kapitel 40 wird die letzte Ohnmacht erwähnt, die Josef zwei Jahre lang aushalten musste: Der Hofbeamte und Mitgefangene, der das Gefängnis verlassen konnte, vergass ihn einfach!
Insgesamt erlebte Josef über dreizehn Jahre hinweg Enttäuschungen, Ungerechtigkeiten, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Er musste Aengste und Demütigungen durchstehen:
zuerst Verachtung, Verlust, Verkauf und Versklavung,
dann: Verführung und Verleumdung,
und schlussendlich Vergessenheit.

Erst dann erfolgte der Aufstieg aus der Tiefe:
- Der Obermundschenk erinnert sich an Josef und bekennt sein Vergessen vor dem Pharao (41,9)
- Der Pharao liess Josef rufen (41,14)
- Der Pharao setzte Josef über Aegypten ein (41,41)
- Josef erhielt einen Siegelring, wertvolle Byssusgewänder, eine goldene Kette und einen Wagen. Das sind ähnliche, sogar grössere Zeichen, die er Zuhause verloren hatte: Zeichen der Ehre und Macht; siehe auch Gleichnis vom verlorenen Sohn!
- Josef erhielt den Auftrag, Aegypten zu regieren und zu versorgen, zu sorgen, dass alle Menschen am Leben bleiben
- Josef bekam eine Frau, die ihm zwei Söhne gebar. Er erhielt eine neue, eigene Familie.

Hier können wir viel lernen, was Vollmacht bedeutet: es ist gegebene Macht von Gott, die er Menschen schenkt, die auf ihn hören, ihm vertrauen und auch warten und aushalten können. Es ist nie erarbeitete, verdiente oder erzwungene Stärke.
Vollmacht ist immer mit einem Auftrag, mit Aufgaben und auch mit Rechenschaft verbunden gegenüber Gott, oft auch gegenüber Menschen. Vollmacht dient der Lebenserhaltung und Lebensförderung in einem umfassenden Sinn. Vollmächtige Personen schaffen anderen Menschen Raum, damit diese leben und sich entfalten können.
Werden auch wir in unseren Familien, in unserem Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in der Schule, in der Firma, in der Gesellschaft zu solchen Lebensförderern!

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