Dienstag, August 18, 2015

Frank Crüsemann: Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen

Ein Freund hat mir dieses Buch empfohlen, das den Untertitel trägt: Die neue Sicht der christlichen Bibel. Es ist im Gütersloher Verlagshaus 2011 unter der ISBN 978-3-579-08122-9 erschienenen. Frank Crüsemann wurde 1938 geboren, studierte 1958-1964 evangelische Theologie in Hamburg, Heidelberg, Mainz und Erlangen. 1968 promovierte er in Mainz. 1980-2004 war er Professor für Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule in Bethel, Bielefeld. Er gilt als einer der profiliertesten evangelischen Alttestamentler der Gegenwart. . . . Zum Buch: Schon der Titel drückt etwas vom Anliegen des Autors aus, dass das Alte Testament die Basis, eben der Wahrheitsraum, des Neuen ist. Crüsemann, ein Schüler von Gerhard von Rad und Hans Walter Wolff, legt darin dar, dass er mit diesem Werk eine Grenzüberschreitung als Alttestamentler vornehmen werde. Aber mit Paulus und seinem Zitat: „Nicht über das hinaus, was geschrieben steht“ (1. Korintherbrief 4,6), und heute zunehmend mit weiteren Theologen vertritt er die Auffassung, dass die Schrift, wie sie vom Neuen Testament selbst bezeichnet wird, eigentlich vorerst nur das Alte Testament meine. Dieses muss für Christen, die christliche Theologie und den christlichen Glauben denselben theologischen Rang haben, den es im Neuen Testament für Jesus und die Verfasser der neutestamentlichen Schriften hatte. Zu Beginn weist er auch darauf hin, dass die Begebenheit, als Jesus bei den Lehrern im Tempel war, häufig ungenau gelesen und dann falsch interpretiert werde. Es heisst dort nämlich zu Beginn: Jesus sitzt dort mitten zwischen den Lehrenden und hört ihnen zu und befragt sie... (Lk 2,41-51). . . . 2. Teil: Bisherige Modelle und Aporien. 1. Kapitel: Typen der Zuordnung von Neuem und Altem Testament (Seiten 31-64). Crüsemann stellt folgende Modelle vor, die im Umgang mit dem Alten Testament wesentlich waren: · Ablehnung des Alten Testaments durch Marcion und die „deutschen Christen“ der Nazizeit. · Altes Testament als Christuszeugnis war bei Martin Luther und Wilhelm Vischer vorherrschend. · Relativierung und Selektion des Alten Testaments: Gotthold Ephraim Lessing, Julius Wellhausen, Gerhard von Rad, Hartmut Gese und Peter Stuhlmacher vertreten diese Sicht. Crüsemann stellt fest, dass sich eigentlich alle Richtungen seit dem 2. Jahrhundert nach Christus einig sind, dass · das Neue Testament das Alte übertrifft · das Neue Testament eigenständig ist · das Alte Testament ein Buch der Kirche geworden ist; Juden werden weder gefragt noch einbezogen. . . . 2. Kapitel: Biblische Theologie? – oder: Wie viel Systematik erlaubt die Schrift? (Seiten 65-78). Vor allem Dietrich Bonhoeffer, Gerhard von Rad und der Schotte James Barr (1924-2006) haben einen neuen Zugang zum Alten Testament eröffnet für die christliche Theologie. Barr hat 1999 in Minneapolis ein bahnbrechendes Werk herausgegeben, das diese alttestamentliche Sicht betont: Concept of Biblical Theology. An old Testament Perspective. . . . 3. Kapitel: Die Anerkennung Israels durch die christlichen Kirchen & die Notwendigkeit eines neuen Ansatzes. (Seiten 79-90) Ein dramatischer und beispielloser Wandel hat nach dem Holocaust in den christlich-jüdischen Beziehungen stattgefunden. Erstmals in der christlichen Geschichte wurde das Judentum theologisch anerkannt, und eine doppelte Hermeneutik wurde eingeführt und zunehmend akzeptiert. David Flusser von jüdischer Seite, Peter von der Osten-Sacken, Ekkehardt und Wolfgang Stegemann, Luise Schottroff, Gerd Theissen und Klaus Wengst waren führende Figuren im deutschsprachigen Raum. Und Erich Zenger (1939-2010) hatte 1991 begonnen, das Alte als Erstes Testament zu bezeichnen. Die christliche Identität begann sich zu verändern, so dass sie sich nicht mehr über die Ablehnung oder Entwertung des Judentums zu definieren brauchte. . . . 4. Kapitel: Was bedeutet das Alte für das Neue Testament? (Seiten 93-151). Im Neuen Testament gibt es viele Bezeichnungen für das Alte Testament, die meisten kommen auch oft vor: · Die Schrift · Die Schriften · Es steht geschrieben · Wie geschrieben steht · Gesetz/Tora, Propheten und Schriften (oder Psalmen) · Tora und Propheten. Das Neue Testament ist durchgängig, von Anfang bis zum Ende, auf das Alte bezogen. Besonders stark sind die Bezüge bei Matthäus, in den Passionsgeschichten mit Psalmzitaten, bei Paulus im Römerbrief, im Hebräerbrief und in der Apokalypse. Während Hieronymus sich aufs hebräische Alte Testament bezog und somit näher beim Judentum blieb, wollte Augustinus nur die Septuaginta, die griechisch-hellenistische Bibelversion, anerkennen und verstärkte damit Entfernung zur hebräischen Denk- und Glaubenswelt. Gerhard von Rad sprach von Abschattungen und Vorausdarstellungen und Hans W. Wolff von Analogien im Alten Testament; Crüsemann dagegen vertritt eine andere Position, er schreibt auf Seite 137: „Es gibt im Neuen Testament kein Substrat, keinen Kern, keine christliche Wahrheit, die nicht alttestamentlich gewonnen wäre.“ . . . 5. Kapitel: Was ist das Neue im Neuen Testament? (Seiten 152-191). Generell gilt die Meinung, dass das Neue dem Alten Testament überlegen sei, es gar ablöse. Doch für Crüsemann stellt sich die Frage, inwiefern dass es eine Bewusstheit der Neuheit gegeben habe. Ein grosser Teil der neutestamentlichen Aussagen über das Neue stammen nämlich aus dem Alten Testament, insbesondere aus dem Jesajabuch, Kapitel 42-65, und aus dem Jeremiabuch, Kapitel 31-38. Tertullian (150-230) war der Erste, der den Begriff des Neuen Testaments gebraucht hat, Vorläufer in diese Richtung waren aber Irenäus (135-202) und Klemens von Alexandria (150-215). Der Alte Bund bestand aus verschiedenen Bundesschlüssen (Noah, Sinai, etc.), die immer noch in Kraft sind, weil sie unkündbar sind. Der Neue Bund, wie er im Hebräerbrief bezeichnet wird, kann auch als innerjüdisches Gespräch über Christus angesehen werden. Das Alte Testament wird von Crüsemann als „Schrift der Schrift“ bezeichnet, wie sollte dann das Neue passend benannt werden? Darauf gibt es keine befriedigende Antwort! . . . 6. Kapitel: Der Gott Israels, die Völker und die Kirche (Seiten 192-223). Crüsemann hält fest: Wir sind nicht Abraham und Israel und dürfen uns nicht an ihren Platz stellen; wo dies geschah, wurde Kirchen- zur Fluchgeschichte. Israel ist als Ethnie das Volk Gottes. Das erwählte Volk ist Instrument Gottes zur Gewinnung der Nichterwählten, Israel ist auch Priestervolk für die Menschheit. Die Kirche dagegen ist „Ekklesia“, Versammlung, und Leib Christi, der Körper des Messias; sie ersetzt Israel als Volk Gottes nicht! Das ist erst nachbiblisch geschehen, dass Israel durch die Kirche ersetzt wurde. Die Tora wird im Neuen Testament als Gabe Gottes an Israel vorausgesetzt, sie wurde durch Jesus neu und effektiv in Kraft gesetzt (Seite 213). Das Matthäusevangelium kann als Portal zum Neuen Testament gesehen werden, besonders in 5,17-20 und 23,2 kommt diese Sichtweise am besten zur Geltung.

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