Dienstag, Januar 28, 2014

Von der Ausgrenzung zur Umarmung

Miroslav Volf, der Kroate der in Amerika lebt, hat ein bedeutendes Buch geschrieben mit dem Originaltitel: Exclusion and Embrace: A Theological Exploration of Identity, Otherness, and Reconciliation. In Deutsch heisst es: Von der Ausgrenzung zur Umarmung. Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität. Es ist im Jahr 2012 Francke-Verlag Marburg mit der ISB-Nummer 978-3-86827-355-7 erschienen. Zum Autor: Miroslav Volf wurde 1956 in Osijek, Jugoslawien, heute Kroatien, geboren. Er hat Theologie in Kroatien, Deutschland und in den USA (Fuller Theologican Seminary) studiert. Er ist heute einer der einflussreichsten anglikanischen Theologen, die dem Evangelikalismus nahe stehen. Aufgrund seiner Erfahrungen im Jugoslawienkrieg und der Unabhängigkeit Kroatiens vertritt er bewusst eine Theologie der Befreiung, der Versöhnung und der Gewaltlosigkeit, ohne naiv zu sein. Gegenwärtig ist er Professor an der Yale University in New Haven, Connecticut, USA. Zum Buch: Das 461 seitige Werk von Volf ist ein durchdachtes, differenziertes Buch mit vielseitigem Inhalt, das sich nicht schnell lesen und leicht verstehen lässt. Es hat mich im Herbst 2013 wochenlang begleitet und bewegt. Denn es dauert eine Weile, bis man sich an den klaren Schreibstil und die konzentrierte Ausdrucks- und Argumentationsweise gewöhnt hat. Der Titel „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“ ist gut gewählt, nimmt er doch die Hauptgedanken Volfs treffend auf. Auf Seite 31 formuliert er es so: „Der Wille zur Umarmung kommt vor jeder Wahrheit über andere... (aber) ich gehe davon aus, dass der Kampf gegen Täuschung, Unrecht und Gewalt unverzichtbar ist.Exklusion (Seiten 65-123) Volf definiert auch, was aus seiner Sicht Sünde ist. Es gehe um das Selbst, das ständig zwanghaft dabei sei, seine eigene Mitte herzustellen. Er nennt Sünde Exklusion, was ja Auschluss bedeutet. Darunter versteht er das Streben nach falscher Reinheit, Unterwerfung, „Sich-Selbst-Ueberlassung“, Verzerrung, Weigerung, Verwicklung, Selbsthass und Selbstentfremdung. Im Kern der Sünde steckt die hartnäckige Weigerung, ein Bewusstsein von Sünde zuzulassen, da schliesst er sich dem amerikanischen Theologen und Philosophen Platinga an. Das geschieht durch Leugnung, Betrug, Uminterpretation und Selbsttäuschung (Seite 97). Die Wurzel der Sünde liegt im Wunsch oder in der Sucht nach (immer mehr oder zuviel) Identität. Der Wille, sich selbst zu sein, trägt den Keim der eigenen Krankheit, die grenzenlose Grundlage und Bezugspunkt aller Gegenstände zu werden und den Platz Gottes einzunehmen. So zitiert er zustimmend Wolfhart Pannenberg auf Seite 111 (und man lernt auch seine bevorzugten Referenzen kennen). Volf postuliert, dass das Selbst dialogisch konstruiert sei. Der andere ist von Beginn an Teil des Selbst. Ich bin, wer ich bin, im Verhältnis zu anderen. Daher muss der Wille, man selbst zu sein, wenn er gesund sein will, den Willen einschliessen dem anderen innerhalb des Selbst einen Platz zuzugestehen. „Der andere muss ein Teil von mir sein dürfen, wenn ich ich selbst sein will. Aber der andere ist oft nicht so, wie ich ihn gerne hätte. Anstatt mich selbst umzustellen, um dem anderen seinen Raum zu geben, versuche ich den anderen zu dem Menschen hinzubiegen, den ich gern hätte, damit ich der sein kann, der ich sein will“ (Seite 113). „Der Geist dringt in die Bastion des Selbst ein, dezentriert das Selbst, indem er es in das Bild des sich selbst gebenden Christus umgestaltet. In dieser Bastion des zerbrechlichen Selbst wird die neue Welt der Umarmung erstmals geschaffen“ (Seite 114). Sehr treffsicher drückt sich Volf auch zu Kain und Abel aus. Zuerst zitiert er Klaus Westermann, der gesagt hat, dass jeder Mensch potenziell Adam und Eva und Kain und Abel sei. Und René Girard, mit dem Volf zwar nicht in allem einverstanden ist, hat entdeckt, dass die Bibel anders als bei mythologischen Texten die Perspektive des Opfers einnimmt. Volf postuliert zusätzlich folgendes zur Person Kains: 1. Gott sagt, dass Abel ist, dann bin ich nicht der, als der ich mich verstehe 2. Ich bin der, als der ich mich verstehe 3. Ich kann Gottes Aussage über Abel nicht ändern 4. Daher darf Abel nicht mehr sein; und ich morde Abel, das Bild Gottes! Die Macht der Sünde beruht auf Gründen, die vom pervertierten Selbst vorgebracht werden, um eine falsche Identität aufrecht zu halten; dann ist die Erkenntnis der Sünde machtlos... (Seite 119). Volf verortet die Sünde auch als Feld, das ausserhalb der Gemeinschaft liegt. Die Ideologie der Sünde besteht in Lüge und Selbsttäuschung. Aus all dem „wird dich die Umarmung des Gekreuzigten nur heilen, wenn du dich anschickst, ihn zu lieben und in seine Fussstapfen zu treten“ (Seite 123).

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