Montag, Juli 30, 2012

Jesusgebet, Theoästhetik, Nahtoderfahrungen und kultische Handlungen

Zum Jesusgebet: Bobert nimmt aufgrund verschiedener Quellen (sie nennt Christofoor Wagenaar und vor allem Emmanuel Jungclaussen) an, dass es um 400-550 in Griechenland, Kleinasien, Garza und im Sinai entstanden ist. 1792 tauchte es in Griechisch in Venedig auf, 1870 erschienen in Kasan auf Russisch die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers. Darin werden drei Gebetsformen unterschieden: . . . . . . . . . . 1. Lippengebet 2. Verstandesgebet 3. Herzensgebet oder Gebet des Geistes. Die Folgen der kontinuierlichen Anwendung des Jesusgebet seien: . spüren der Liebe und der Ruhe Gottes, . Gedankenreinheit und Warmherzigkeit, . Offenbarungen durchleuchten die Vernunft, . eindringen in die Heilige Schrift, . verstehen der Sprache der Schöpfung . Leichtigkeit und Losgelöstheit . . . . . . . . . . Theoästhetik: Erst in Gott spiegelt sich der wahre Mensch, der Seelengrund, der reine Geist, das „Antlitz“ oder eben das Ebenbild Gottes; hier geschieht Anbetung im Geist. Der kontemplative Weg nimmt wahr und akzeptiert was ist. Je inniger die gespürte Gegenwart Jesu wird, desto tiefer reichen seine Berührungen; und ich kann loslassen, was meinem Wesen als Ebenbild Gottes fremd ist. Ziel ist Geistesklarheit, Indifferenz, „Apa-theia“ und „Hesychia“ im Alltag. Diese bewirkt Empathie und Liebe und freut sich an Fortschritten anderer. Vor allem durch den Rationalismus und seit 1800 wurde Gott domestiziert, kultiviert, bürgerlich und niedlich gemacht. Begehren, Geniessen und Erschrecken bei Gott war danach kaum mehr denkbar. Das lässt den Menschen kindlich bleiben und konsumistisch glauben. Gott wird zum Kuschelgott, den man wie einen Teddybär auf dem Sofa liegen und beiseite lassen kann. Reife Menschen dagegen wollen echte Nähe durch Beziehung und Eros. Im Gegensatz zum Neoplatonismus lässt christliche Mystik Sexualität zu. Schon für Ambrosius, 333-397, war Christus der Geliebte und der Mensch die Braut. Johannes von Fécamp, 990-1078, dagegen erlebte Christus als Priesterkönig; Rupert von Deutz (t 1130) wiederum hatte erotische Christuserfahrungen mit Küssen und Umarmen. Die Blütezeit der Minne- und Brautmystik war aber erst im 13. und 14. Jahrhundert. . . . . . . . . . Nahtoderzählungen: Am frühesten ist bei Gregor dem Grossen, 540-604, von Nahtoderzählungen die Rede, um die Unsterblichkeit der Seele zu belegen. Reisemerkmale von Nahtoderfahrungen waren in der Regel: · Seele tritt aus dem Körper aus · Symbolische Zeitspanne einer Nacht · Schutzengel oder Schutzheiliger als Seelenführer · Leitern, Schiffe, etc. sind Transportmittel in die Transzendenz · Im Jenseits gibt es eine dynamische Topografie: Hindernisse wie Mauern, Feuer Brücken, Dämonen und Weggabelungen · Reise durch die eigene Seelenlandschaft · Wiedereintritt der Seele in den Körper, Bekehrung und Verwandlung in ein anderes Leben · Form/Gestalt wird literarisch überarbeitet, damit sie kulturell geformten Seelenlandschaften entspricht Boberts Interpretation und Empfehlung dazu ist, sich ganz der Barmherzigkeit Christi anzuvertrauen. Später pflegten vor allem die Zisterzienser eindrückliche Sterbebegleitung an ihren Mönchsbrüder bis in die Gegenwart (so Berhardin Schellenberger: Die Stille atmen. Leben als Zisterzienser. Stuttgart 2005). Konstant auch an heutigen Nahtoderzählungen sind: · Lichterfahrung (seit Moody Lichtwesen und nicht mehr Gott!) · Buch, Waage oder heut auch „Film des Lebens“ · Mauern unterscheiden zwischen Jenseits und Diesseits, nicht mehr zwischen Erlösten und Verdammten · Bekehrungsschock, der zu abrupter Umkehr und Lebensveränderung führen kann . . . . . . . . . . Die Bedeutung der kultischen Elemente in den christlichen Konfessionen: In den orthodoxen Kirchen sei der Kultus Mystik für alle. Rituale seien Einstieg, um einen gemeinsamen Weg der Reinigung, Erleuchtung, Schau und Einung zu gehen. Ziel sei die Vergottung des Menschen. Gottesdienst vergegenwärtige Menschwerdung Gottes und verschränke Himmel und Erde. Im Protestantismus dagegen geschah bald nach der Reformation ein bedeutender Substanzverlust durch die aufkommende Rationalität. Die zunehmende Atomisierung der Menschen führte zu einer Innerlichkeit und einem individuellen Verständnis. Sinnlich repräsentierter, gemeinsamer Inhalt wie in der katholischen Kirche gab es wenig oder kaum noch! Vor allem Bonhoeffer hat auf dieses Manko aufmerksam gemacht, er forderte eine evangelische monastische Theologie und eine anthropologische Aesthetik der Verwandlung, der Metamorphose von Leben, Tod und Auferstehung. Das ästhetische Ziel ist Gleichgestaltung des Menschen mit Jesus Christus. Sich Gott ergeben heisst Christi Bild tragen. Bobert plädiert für eine alltagstaugliche Mystik als Gegenpol zu den Mantren in den Medien und in der Werbung. Gottesdienst sei symbolische Vergegenwärtigung von Jesus Christus als Wort durch Menschen als Wort, es gehe darum, intellektuell, körperlich, mental und emotional ausgerichtet und zentriert zu sein auf Jesus, dem leibgewordenen Wort. Rituale sollen Klarheit erzeugen und deshalb auf Christus hinweisen, sie machen geistige, unsichtbare Wahrheiten sinnlich (erfahrbar). Imagination, pneumatisches Sehen und Meditation dienen als Vorbereitung auf das Wort (Gottes), das Inhalt, Beziehung, Form und Gestalt hat. Das wird besonders im Abendmahl augenfällig, wo Christus in Brot und Wein konzentriert gegenwärtig sei. Die Wandlung sei ein Passageritual, ein transzendentes Ereignis für das geistige Auge. Auch Luther feierte noch bewusst die Messe, er liess nur die Opferkultgebete des Canon Missae weg. Und die lutherische Kirche benutzte bis um 1800 die alten, katholischen Messbücher. . . . . . . . . . Boberts Sicht auf die Entwicklung des Eucharistieverständnis: Bei der Eucharistie geht es um die Transformation der rituellen Elemente Brot und Wein, die Sichtweise auf diese Transformation aber wurde erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und entfaltet: · Ephrem der Syrer, 306-373, sah in den gewandelten Elementen Feuer, das vom Geist durchdrungen war · Johannes Chrystostomos, 344-407, sah den Priester im Kraftfeld pneumatischer Energien · Symeon der Neue Theologe, 949-1022, sah die Elemente vermischt mit Blut, eingetaucht in Gott und als Glieder am Leib Gottes · Carl Gustav Jung, 1875-1961, meinte, dass die Messe mit ihrem Aufbau bestehend aus Vormesse, Oblatio, Censecratio, Communio und Nachmesse ein Mysterium mit therapeutischer Kraft sei. Es sei eine rituelle und schöne Verdichtung des Lebens von Jesus Christus und der Selbsthingabe der Menschen durch die Gaben, die sie Gott darbringen. Vergeistigung geschehe durch die Anrufung des Heiligen Geistes, und Christus erscheine in den Elementen Brot und Wein, die Ewigkeit seines einzigen Opfers tritt dabei zutage. · Teilhard de Chardin und Wolfgang Pannenhart: Die Eucharistie ziele nicht auf Wandlung von Brot und Wein (Transsubstantiation), sondern auf die Verwandlung von Menschheit und Kosmos. Materie und Geist sind durch Gottes Gegenwart nicht mehr getrennt, sondern seine Gegenwart ist in allem Geschaffenen. Es gibt keine geistlose Materie mehr und nur noch eine Wirklichkeit. Materialismus ist eine Verabsolutierung der Wirklichkeit und greife zu kurz. Christus sei in der Welt umwandelnd gegenwärtig. Eucharistie sei Nahrung wie Milch und Energie, aber auch ein Uebergangsritual wie das Pascha, was hinübergehen heisst. Rituelle Symbolhandlungen werden leibhaftig durchlebt und seien so Prismen des Unsichtbaren oder „Landart des Heiligen“. . . . . . . . . . Zur lutherischen Taufe: Bobert plädiert stark dafür, die Taufe wieder so durchzuführen, wie sie Martin Luther praktiziert hatte, nämlich als Schwellenritual, das in die christliche Gemeinde eingliedert hatte, und aus folgenden Elementen bestand: 1. kleiner Exorzismus 2. Kreuzeszeichen 3. Gebete 4. grosser Exorzismus 5. Kinderevangelium verlesen 6. Vaterunser beten 7. „Abrenuntiatio“ Absage an das Böse (am Taufstein) 8. Glaubensbekenntnis 9. Waschritus (zur Eingliederung in die christliche Gemeinde) Seit 1800, als der Rationalismus vorherrschend wurde, wurde die Taufe fast nur mehr auf Worte reduziert und in bürgerlicher Umgebung gefeiert. Damit ging viel der rituellen Handlungen und vom symbolischen Gehalt verloren, das Herausnehmen des Täuflings aus der Finsternis und das Eingliedern in die Gemeinschaft, ins Licht.

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