Donnerstag, Februar 11, 2010

Iran: Persische Hochkultur und irrationale Macht

Hans-Peter Raddatz, der Autor dieses Buchs, geht davon aus, dass der heutige Iran nur verstanden werden kann, wenn man seine Geschichte und ursprüngliche Religion etwas kennt. Iran selber heisst Land der Arier und hat viel mit Zarathustra zu tun, der etwa 599-522 vor Christus lebte. Mit 40 Jahren hatte er Offenbarungen.
Karl Jaspers nannte diese Zeit „Achsenzeit“, als um 600 vor Christus an unterschiedlichen Weltgegenden neue Religionen und Philosophien auftraten, so auch Zarathustra, Konfuzius, Buddha, die grossen griechischen Philosophen und jüdische Propheten. Im iranischen Herrscher Kyros wurde der Befreier der Juden gesehen, so wurde er zum Gottessohn und Messias hochstilisiert. Religion war im Iran häufig manipulatives Instrument der Eliten und des Klerus. Die arische Dreiheit, Erde, Luft und Himmel, wurde zum Grundstoff der Gnosis und der Mysterienreligionen Aegyptens, Kleinasiens und Griechenlands (Amun-Re war der ägyptische Sonnengott, die Pharaonen die Söhne Gottes). Das Christentum hatte im Iran Erfolg, weil es Verbindungen mit dem iranischen Verständnis der Erlösung, den gnostischen Mysterien (Kinderzeugen ist Sünde) und der platonischen Philosophie einging.
Der Islam breitete sich im 7. Jahrhundert fast explosionsartig aus. Mohammed und seine Nachfolger verstanden es, ihre Gemeinschaft machtvoll zu formen, zu nutzen und zu vergrössern. Basis war der Koran, der mit seinen gewaltästhetischen medinesischen Suren, folgendes vorsah und ermöglichte:
· Allahs freie Wahl und somit Einschränkung des Individuums
· Nutzen für die „Umma“, Schaden für den Ungläubigen und Unterdrückung der Völker
· Diesseitige Beute und jenseitiges Heil
· Buchstabengläubigkeit und Gesetzesreligion
· Gewalt wird legitimiert und Auftragsmord wird institutionalisiert


Die Dynastie der Umayyaden, die kulturell syrisch geprägt waren, begann 660 mit Kalif Mu’awiwa und endete 750. Das ist auch das Ende der ersten Expansion in Asien (Indus und Taschkent). Unter ihrer Herrschaft wurde 691 der Felsendom in Jerusalem errichtet als Demonstration gegen Juden und Christen. 750 bis 1258 folgten die persischen Abbasiden.
661 tötete ein Kharidijite, Vertreter einer muslimischen Abspaltung, aus Rache den vierten Kalifen Ali in Kufa mit dem Schwert. Sein Grab liegt in Nadjaf, das zu einem grossen Wallfahrtsort wurde, und um seine Person begannen sich viele Legenden zu ranken. Auch beide Söhne wurden getötet: Hasan 669 und der heldenhafte Husayn im Kampf 680. Er wurde zum Vorbild der Gläubigen, er war den verborgenen Imam vorweg und überwand mit seinem Tod den Tyrannen. Sein Grab liegt in Kerbala. Das ist zugleich auch der Beginn der Schia, sie zeichnet sich aus durch:
· Dem verborgenen Imam steht das rechtmässige Kalifat Alis zu; das ist der „Mahdi“ (diese Idee geht auf den mythischen Erlöser Sayoshant zurück, der aus einer Mischung aus Zoroastrismus und Platonismus entstanden ist)
· Transzendente Lebensbilanz
· Ethische Prinzipien der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit: es gibt gut und böse, Unterdrückte und Unterdrücker
· Passion: Aschura ist Bussritual, das am Todestag Husayns durchgeführt wird. Es entwickelte sich von der Totenklage (963) zum Passionsspiel oder Leidensdrama (1650)
· Selbsterlösung (sich Gott ähnlich machen), Erleuchtung und Lichtmystik
· Autonomie des Verstands, des Lichts der Menschen (erst etwa um 1700 wurde dies eingeschränkt durch die Ulama, die Elitenherrschaft wollte und durchsetzte)
· Zeitehe „mot’e“ erlaubt gegen eine Gabe (was praktisch der Prostitution entspricht)
· Spaltungen: Siebner-Schia = Ismaeliten = Isma’iliya (Ismail sei entrückter Imam; gnostisch) und Zwölfer-Schia = Imamiten (Verborgener 12. Imam wird als Mahdi wiederkehren und die islamische Spaltung beenden und paradiesisches Reich der Gerechtigkeit aufrichten)


Die Aleviten, die heute hauptsächlich in der Türkei leben, sind eher eine schiitische Richtung. Sie sind beeinflusst von vorislamischen turkmenischen Bräuchen, vorchristlichen Mysterien und den Sufis. Wegen Verfolgung durch Sunniten haben sie sich angepasst durch Täuschung und Geheimhaltung. Sie besitzen daher keine schriftliche Theologie und brauchen auch keine Moschee für ihre Zeremonien. (In Wikipedia steht, dass „das Alevitentum auf dem Glauben der Zoroastrier basiere. Ursprünglich bestanden keinerlei Verbindungen mit dem Islam, dem Vierten Kalifen Ali und den Zwölf Imamen. Der Umstand, dass heute die Aleviten für die Zwölf Imame beten und bitten, hängt damit zusammen, dass diese Rituale ihnen auferlegt wurden. Seit der Machtergreifung der Jungtürken wurden hauptsächlich zwei Gruppen assimiliert: Einerseits wurden Teile der Kurden türkisiert, andererseits die Aleviten islamisiert. Dies war die Folge einer fast ein Jahrhundert andauernden Politik.“)

Die Baha’i oder Babisten gehen auf Ali Muhammad zurück, der 1850 gestorben ist. Er war in ihren Augen der auferstandene Imam, der Mahdi oder eben der Bab, der das islamische Gesetz abgeschafft hatte. Sie wurden deswegen von Sunniten und Schiiten grausam verfolgt.

Um 1900 wehrte sich die wirtschaftliche und religiöse Elite Irans gegen die englischen Rohstoff- und Handelsgesellschaften, die sich weltweit ausbreiteten. Bazaris (=Bazarbesitzer) und Mollahs bildeten eine Koalition, um gegen „Verwestlichung“ kämpfen zu können. 1921 marschierte Reza Khan, ein Kosakengeneral in Teheran ein, vier Jahre später rief er sich zum Schah „Reza Pahlevi“ aus. Seine Regierungszeit bis 1941 war von Modernisierung und Säkularisierung geprägt. 1941-79 kam sein Sohn Muhammad Reza an die Macht. Anfänglich hatte dieser Lebemann keine Ambitionen, so dass seine Minister regierten. Mit der Zeit wurde er aber zum selbstherrlichen, überheblichen Despoten. 1951 wurde Mosaddeq Premierminister, er verstaatlichte die nationale Oelcompany, die den Briten gehörte. Weitere Reformen kamen nicht durch, weil das Land zu stark durch Klan- und Mafiasystem beherrscht war.
Khomeiny war selber ein Sohn eines bekannten, ermordeten Mullahs und war zeitweilig unter dem Schah im Gefängnis, emigrierte danach in den Irak und nach Frankreich. Die Arbeit an der diesseitigen Ordnung soll den erwarteten Mahdi aus jenseitiger Ferne herbeiführen. Gebet und Politik seien der Lebenssaft seines Islam, die Tötung der Feinde diene der Säuberung der Gemeinschaft.
Am 11.12.1978, dem Ashuratag (Todestag Husayns) , verkündete er von Paris aus den Dschihad gegen den Schah. Die anbahnende Revolution liess am 16. Januar 1979 den Schah nach Aegypten, später nach Marokko und in die USA fliehen. Am 1. Februar 1979 kam Khomeiny aus seinem französischen Exil zurück und übernahm die Revolution. Er führte mit seinen Getreuen zunehmend eine islamische Kulturrevolution durch: Alles Westliche muss ausgerottet werden, auch die weltlichen Revolutionsgruppen wurden durch Pasdaran, Basidj, Ansar-e-Hizbollah (Helfer der Partei Allahs) und seinen Schlächter Sadeq Khalkali eingeschüchtert und dezimiert.
Die Revolution wurde anfänglich totalitär umgesetzt. Kapitalflucht, Staatsterror, der koranisch legitimiert ist, Korruption durch Anhänger Khomeinys, Schwarzmarkt und Drogenmissbrauch nahmen in der Folge zu. 1980-88 führte Iran gar Krieg gegen den säkular geführten Irak. Beides trieb den revolutionären Staat fast in den wirtschaftlichen Ruin. Erst nach etwa zwanzig Jahren wurde die Umsetzung pragmatischer und auch die Oeleinnahmen nahmen wieder zu, so dass die hohen Staatsschulden reduziert werden konnten.
Ein Problem des Gottesstaats ist, dass die islamische Wirtschaft keine wirkliche Theorie kennt und somit alle Formen annehmen kann. Wird beispielsweise ein Kündigungsschutz eingeführt, dann werden Arbeitgeber auf Zeitarbeit ausweichen. Zinsen sind verboten, stattdessen werden Geldgeber zum Schein mitbeteiligt und dann Dividenden ausbezahlt. Es gibt drei Eigentumsformen: private, gemeinschaftliche und staatliche, die eigentlich keinen Selbstzweck verfolgen sollten.
Handlungen werden generell in fünf Kategorien eingeteilt:
· Gebotene: fördern das Heil, bei Zuwiderhandlung straft Allah (durch die Mullahs)
· Empfohlene: fördern auch das Heil, aber bei Zuwiderhandlung gibt es keine Strafe Allahs
· Erlaubte: neutrales Tun, die weder Strafe noch Belohnung zur Folge haben
· Missbilligte: sind dem Heil hinderlich; wer sie unterlässt, den belohnt Allah
· Verbotene: Unterlassung ist Pflicht; wer sie tut, der wird von Allah bestraft

Das korrekte Tun ist also im Islam sehr wichtig, nicht so sehr Ziel, Motivation, Analyse oder konkret Arbeitsqualität. Deshalb wird auch wenig nach fachlicher Eignung gefragt und die Entwicklung einer Inlandproduktion war wenig interessant. Die islamische Ethik verhinderte sachbezogene Analyse und zivilgesetzliche Willensbildung. Die Folgen der repressiven Revolution Khomeinys waren deshalb zunehmend Vertrauensschwund, Säkularisierung und Armut eines Grossteils der Bevölkerung.
Der geringe nachhaltige Erfolg der islamischen Revolution im Landesinnern wurde durch Ausrichtung nach aussen kompensiert und gestärkt:
1982 wurde die Hizbollah, die Partei Gottes, im Libanon gegründet und die „islamische Republik Libanon“, die den schiitischen Teil umfasste. Wichtigste Ziele waren Fürsorge für die „Umma“ und Terror gegen Israel. Die Vorgängerorganisation war die Amalmiliz von Musa Sadr, der 1978 von Ghadhafi wegen Beleidigung während eines Besuchs umgebracht wurde. Seit 1982 ist Hasan Nasrallah Generalsekretär.
Der Westen soll generell durch Geduld, Gespräch und Gewalt überwunden werden. Dies entspricht dem dreifachen islamischen Kampf mit Herz, Zunge und Hand. Aber der Westen löst sich bereits selbst von seinen Wurzeln durch Dekadenz, Kindermangel, Einwanderung und rechtlichen Anpassungen. Geschichte und unliebsame Fakten sollen gelöscht werden, vieles ist erlaubt, wenn es dem islamischen Sieg dient. Dieses Vorgehen demonstriert der Präsident, Ahmad-e-Nadjad, ehemaliger Basidj-Führer, der seit 2005 im Amt ist, bestens. Er sagte beispielsweise: „Der Islam muss töten, um sich selbst am Leben zu erhalten.“

(Hans-Peter Raddatz: Iran. Persische Hochkultur und irrationale Macht. Verlag: Herbig GmbH München, Jahr 2006; ISBN-Nummer: 978-3-7766-2488-5)

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