Dienstag, September 27, 2011

Michael Weyer-Menkhoff: Offenbarung. Sein Angesicht sehen... die Botschaft der Offenbarung.


Dieses günstige, informative und unspektakuläre Buch des deutschen evangelischen Theologen und Pfarrers Michael Weyer erschien 2002 in den Porta Studien der SMD bei Francke, ist aber bereits vergriffen.
Eher nach grundsätzlichen Fragen und Begriffen erläutert er das biblische Buch der Offenbarung. Dabei geht er nicht chronologisch vor, sondern schneidet wichtige Themen und Zusammenhänge an, so dass dieses fremdartige Buch besser gelesen, gehört und verstanden werden kann. Weyer weist darauf hin, dass die ganze Bibel bezeugt, dass Gott zu den Menschen auf der Welt gesprochen hat, speziell erwähnt wird dies in den Psalmen und Profeten. Dieses Reden folgt aber nicht immer der gleichen, sondern hat ganz unterschiedliche Formen: Poesie (Psalmen), Weisheit (Sprüche, Jakobus), Erzählungen (Josef in Genesis 37), Profetie (Jesaja 7) und eben auch Apokalypse (Offenbarung).
Bei der Apokalypse geht es jedoch weder „Science Fiction“ noch um einen genauen Zeitplan, sondern um eine Teilenthüllung des Weltenlaufs, des Endes und Einblick in die unsichtbare, himmlische Welt. Diese Darstellung ist präzise und schwebend zugleich, sie zeigt auch den himmlischen Tempel, der offenbar wie der Tempel Jerusalems aussieht. Dahinter steht ein wichtiger, uns heute aber fremder Grundzug: Urbild und Abbild. Was sich auf Erden abspielt, ist im Himmel bereits beschlossen und vorhanden; und das ist das Entscheidende! Denn in Gottes Augen ist alles bereits geschehen, was ein weiterer Hinweis für ein nicht-chronologisches Verständnis dieses Buches und für Gottes Heilsgeschehen ist.
Dem Bösen wird zwar zwischenzeitlich Macht gegeben oder zugestanden, weil es ja keine eigne Wirkkraft hat! Christus hat die alte Daseinsform nicht beendet, aber durch Golgota gerichtet. Die alten Machtbedingungen haben ihr Recht schon verloren, eine neue Lebensmöglichkeit ist bereits eröffnet, wie auch Paulus schreibt (Röm 1,18). Das ist zuerst eine grundsätzliche Machtaussage, dann folgt die persönliche Umsetzung. „Schon jetzt und noch nicht“ ist auch der Ansatzpunkt für den Heiligen Geist in unserem Leben.
Eschatologie ist die Lehre vom Letzten, von der Endzeit und Teil der Apokalypse. Sie ist gegenwärtig (Jo 5,24), zukünftig (Of 19-22 mit der Wiederkunft Jesu) und transzendental (zeitlos, nach dem Tod).

Weyer ist es ein Anliegen, nicht primär Details, sondern Grundzüge und Strukturen zu zeigen. Es geht um Gestaltwerdung und Konkretion, dem jüdischem Realismus, von denen Matthäus und Jakobus besonders geprägt sind, und Jesus mit seiner Inkarnation ausdrückt.
Auch Johannes sieht bildhaft Unsichtbares, Kräfte hinter Ereignissen und Zeitqualität, jedoch sieht er keinen „Endzeitfahrplan“! Genau heisst das Buch Offenbarung Jesu Christi; er steht im Mittelpunkt, um ihn dreht sich alles!
Es gibt einen Briefanfang und Vorwort (1,1-3),
Briefbeginn (1,4-6),
Situation des Johannes (1,7-12) und einen Schluss (22,6-20)
und einen klassischen Briefschluss (22,21).
Die fünf Hauptteile dagegen sind jeweils dreiteilig aufgebaut:
Christusvision, die mit Lob und Anbetung abgeschlossen wird durch Johannes,
himmlische Gemeinde oder „Stimmen“,
Ereignisse (Gerichtsvisionen): im „Himmel“ zuerst, dann auf Erden und im Kosmos. Es sind Katastrophen, aber Gott vergisst seine Gemeinde nicht.
Siegel, Fanfare und Schale dienen als Symbole.
Anbetungsvisionen zeigen himmlisches Lob und Teile des Tempels oder des Gottesdiensts, und Johannes hört „Lieder“.

Weyer kehrt aber immer auch wieder zur Erde und zu den Menschen zurück und erklärt beispielsweise gründlich das Verhältnis von Mann und Frau, das in der Offenbarung auch eine wesentliche Rolle spielt. Bei Mann und Frau seien je beide Grundstrukturen vorhanden.
Als maskulin bezeichnet er: agieren, initiativ, forschend, gestaltend, technisch, führen, Kopflogik, Wahrheit erkennen und durchsetzen und Rhythmus.
Als feminin dagegen nennt er: reagieren, hörend, antwortend, empfangend, künstlerisch, fabulieren, Gemüt, Wahrheit empfangen und umsetzen und Melodie. Dann spricht er kurz Genesis 2,18-20 an, wo es um die „Hilfe, ihm antwortend, entsprechend oder gemäss“ geht. Hilfe sucht der Schwächere beim Stärkeren! Unsere alltägliche Erfahrung von Mannsein und Frausein und der Widerstand dagegen gehen auf Gottes Strafworte in Genesis 3 zurück, und hinter dieses Strafwort kommen wir nicht zurück! Die Sexualität ist auch dazu geschaffen worden, Gottes verborgene Wahrheiten für uns konkret zu symbolisieren (nach C.S. Lewis). Denn Ziel für den Menschen ist Ganzheit, Heil, Frieden, Integration, Vollkommenheit, eben „shalom“. In Freundschaft steht jeder für sich selbst, im Liebesakt dagegen sind wir nicht bloss wir selbst! Wir sind auch Repräsentanten, uralte Kräfte wirken durch uns, das Kämpferische und das Hingebende. Die Frau hat eine Grundangst, den Mann zu verlieren. Der Mann hat eine Grundangst, von seiner Frau nicht (genug) anerkannt zu werden!
Jeder Mensch ist „maskulin“ gegenüber der Welt, denn er soll sie ja „beherrschen“, jedoch ohne zu übertreiben. Uebertreibung führte zur „Krise der Männlichkeit“ und zur „vaterlosen Gesellschaft“ im 20. Jahrhundert. Jeder Mensch ist dagegen Gott gegenüber „feminin“, das heiss empfangend, er ist der Geliebte, nicht der (zuerst) Liebende.

Was Gebet im ursprünglich biblischen Sinn bedeutet, schreibt Weyer ab Seite 61: Der Hebräer ist ein Mensch, der Gott zu Gott zurückruft; im Gebet wird an Gott erinnert (Ex 32,11; Jes 62,2; Jer 14,7). Jesus sagte das mit den ersten drei Bitten des Vaterunsers: „Dein Wille geschehe“. Eine solche enge Verbindung, ja Mitarbeit, geht Gott mit seinem Volk und seiner Gemeinde ein! Aber er wird sein Gott-Sein durchsetzen. Zum Beten gehört auch „Schreien“ (Seite 63): Der Profet Johannes der Täufer schrie, als er auf Jesus hinwies (Jo 1,15). Die vom Geist Gottes getriebenen Kinder Gottes schreien: Abba, lieber Vater! (Röm 8,15). Der Heilige Geist schreit in unseren Herzen: Abba, lieber Vater (Gal 4,6). Schreien ist profetisch, ekstatisch, um die Verbundenheit mit Gott zu demonstrieren. Intensives Rufen beinhaltet „das Heil (ist) unserem Gott“ (Of 7,10) und „Bitten und Warten auf Gericht“ (Of 6,9-11).

Profetie ist Weissagung, die in 1,3; 10,6+7; 11,6; 19,10 und 22,7-19 vorkommt. Zukunftsvorhersage kam dagegen erst im Mittelalter auf. Es geht um Durchblick durch die gegenwärtige Situation: eine Gemeinde muss durch Gabe der Profetie geleitet werden, die Gemeinde soll dies prüfen. Es geht auch um Gerichtspredigt und Bussmahnung, Gegenwartsdeutung und Zukunftsschau, Erbauung, Ermahnung und Tröstung (so Paulus in 1Ko 14,3). Profeten sind Knechte Gottes, der Heilige Geist hat sie für diese besondere Aufgabe beschlagnahmt. Die Gemeinde ist gefährdet: Am liebsten würde Satan Gott selbst verfolgen, aber an ihn kommt er natürlich nicht heran; also hält er sich an die, die er kriegen und bekriegen kann. Auch er „inkarniert“ seinen Willen, wirkt leibhaft, versucht, dass wir die Spannung aufgeben hin zur Machbarkeit (auch in Mission und Reich Gottes). Aber die religiöse Verehrung des Kaisers war Götzendienst (Ap 6,1; 15,38; Gal 2,11). Satan befindet sich (erstaunlicherweise) irgendwie im Himmel, seine Macht, die mit Köpfen, Hörner und Kronen in der Offenbarung dargestellt wird, wirkt sich auch politisch aus und wirft die Erde und die Menschen durcheinander. Das teuflische Wesen besteht im Bezweifeln der göttlichen Fürsorge und im Vermischen des von Gott geordneten Lebens. Er versucht, die Frau zu vernichten, er will Heil verhindern. Aber Jesus ist Sieger, hat den Satan besiegt durch das Blut des Lammes und hat die Schlüssel des Todes und der Hölle. Daher kämpfen wir nicht an der Seite von Jesus, sondern wir realisieren und konkretisieren seinen Sieg, den er am Kreuz errungen hat. Gläubige halten Gottes Gebote und haben das Zeugnis Jesus (12,17). Standhaftigkeit und Treue sind Ausharren auf den kommenden Jesus und Standhalten gegen die „Welt“ in Anfeindung und Verfolgung. An Jesus zu glauben hinterlässt eine Spur bis vor den Thron Gottes. Werke sind gelebter Glaube, unsere alltägliche Existenz, denn der Hebräer trennt nicht Glaube und Werke. Mühe ist missionarische Arbeit.

Wasser und im speziellen das Meer stehen in der Bibel für antigöttliche und chaotische Mächte, die die Ordnung Gottes, die Schöpfung, bedrohen (Seite 87). Wohl deswegen ist Israel nie ein Seefahrervolk geworden, obwohl es am Meer wohnt. Diese Chaosmächte hat Gott zurückgedrängt, so dass sie die Schöpfungsordnung nicht mehr schädigen dürfen. Denn er trennte die Wasser durch das Firmament: darunter die bewohnbare Erde, darüber blieb das Chaos. Würde Gott sein Wort, das das Chaos beschränkt und zurückhält, wegnehmen, so bräche Chaos und Vernichtung über die Erde herein. Die Sintflut war das stärkste Beispiel dafür.
Auch das Gleichnis vom Unkraut und Weizen aus Matthäus 13,24-43, hat apokalyptische Züge. Der Gerichtstag Gottes verzögert sich wegen Gottes Barmherzigkeit und Geduld mit den Menschen, um sie zu rufen und zu retten.

Anbetung ist eigentlich auch ein Element der Herrlichkeit Gottes, eine Funktion im Himmel, nicht auf Erden. Sie zielt auf das Sein Gottes überhaupt, Lob auf seine Taten, und Dank steht für das, was wir von Gott erfahren und erhalten. Claus Westermann hat gesagt: „Das Geschöpf lobt Gott, indem es das tut, wozu es geschaffen ist.“ Engel sprechen, aber singen nicht, Cherubim haben keine Ruhe, sie sind Mitknechte, denen selber keine Anbetung gebührt. Gottes Botschaft ist, ihn zu fürchten, ihm die Ehre geben und ihn anzubeten!

Ab Seite 300 erklärt Weyer den Begriff „Gematrie“, der eine damals übliche Umsetzung von Buchstaben in Zahlen ist. 666 ist der Name des Tieres nach Of 13,17. Der Sinn ist eine Uebersteigerung der autonomen, ehrgeizigen, machtbesessenen und unvollkommenen Menschen: Sie setzen sich absolut und ersetzen in ihrer Ueberheblichkeit Gott!
Der Zahlenwert von Jesus dagegen ist 888. Deshalb ist Apokalyptik auch gnädige Offenbarung Gottes zur Stärkung der Gläubigen, damit sie die Dinge so sehen, wie sie vor Gott wirklich sind. Sie ist auch kritisch gegen jeglichen Machbarkeitswahn. Auch die Kirchen können davon betroffen sein, denn sie sind nicht das Reich Gottes, sondern weisen bestenfalls darauf hin und führen darauf zu!
Weyer kritisiert meiner Meinung zu Recht die kirchliche Theologie generell, weil sie eher dem griechischen-idealistischen Konzept als der hebräisch-realistischen Sichtweise gefolgt ist. In den Westkirchen hielt sich die Kirche oft für das Reich Gottes, und in den Ostkirchen ist die Offenbarung seit jeher nahezu bedeutungslos. Für Weyer steht Babylon für die Gnosis, die damals eine wichtige Gegenspielerin der Gemeinden war. (In der Reformation und bei den Täufern wurde die römisch-katholische Kirche als Babylon angesehen.)

Lob Gottes unterbricht Ereignisse und Bilder, es ist wie Brückenpfeiler und Haltepunkt beim Lesen und Hören. Es trägt alles und stimmt zur Anbetung ein. Nachdem Babylon in 19,1-10 untergegangen ist, wird Halleluja gesungen. Auf Jesus läuft alles zu, er wird enthüllt. Der Himmel ist kein Ort, Ewigkeit keine Zeit in unserem Sinn. Im Geist, in Visionen sieht Johannes die Wirklichkeit in und hinter unserer Realität. Wie Momentaufnahmen bilden die apokalyptischen Bilder eine grössere und umfassendere Wirklichkeit ab. In der Offenbarung geht es bis zum Schluss um Konkretion, Gestaltwerdung, Leiblichkeit und Historizität. Es ist nie eine abstrakte Idee, deshalb werden in der Bibel auch so viele Geschichten erzählt. Juden reden nie plump von Gott, aber verhüllt. Johannes belegt und umschreibt in der Offenbarung dauernd die Identität Jesu. Meine Identität liegt letztlich ganz in Jesus, dass ich im „Buch des Lebens“ notiert bin; er hat mich ins Lebensbuch geschrieben.

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